Frage an Kirchen – Wer darf eigentlich predigen?

Was ist wichtiger, wenn Menschen die Kanzel besteigen: Beruf oder Berufung? Können oder Charisma? Die Frage, wer predigen darf, beantwortet sich am ehesten darüber, was Predigt eigentlich ist.
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Ein Pastor

Was ist wichtiger, wenn Menschen die Kanzel besteigen: Beruf oder Berufung? Können oder Charisma? Die Frage, wer predigen darf, beantwortet sich am ehesten darüber, was Predigt eigentlich ist.

Ein Mann sieht irgendwo in der digitalen Welt jemanden predigen, und er fragt sich: «Darf der das?» Auf dem Frageportal von evangelisch.dewill er wissen: «Ist das erlaubt?» Was zunächst einmal ziemlich banal klingt, hat tatsächlich viele Facetten. Das geht schon damit los, dass man sich fragen kann, ob man zum Predigen überhaupt jemanden fragen muss. Überlegt man sich selbst, dass es jetzt an der Zeit ist, hinter einer Kanzel zu stehen, oder braucht es dazu eine Berufung? Eine Ausbildung? Oder gar beides? Und was ist, wenn einem niemand zuhört?

Eine Frage der Macht

«Wer das Mikrofon in der Hand hält, hat die Macht.» Diese ganz einfache Regel wird bei jedem Interview deutlich. Denn selbstverständlich hält die fragende Person das Mikrofon den Befragten nur vor die Nase – und gibt es keinesfalls aus der Hand. Kein Wunder, dass auch beim Predigen immer wieder darauf geachtet wurde, dass nur die «richtigen» Leute ans Mikro bzw. auf die Kanzel kamen. Oft wurde und wird deshalb darauf geachtet, dass Prediger GL.IN.U.S. sind, also «gläubig in unserem Sinne». Es geht nicht darum, auf der Kanzel irgendwelchen Blödsinn zu erzählen, aber manche gemeindlichen Verantwortungsträger achten schon sehr darauf, dass die Predigt bis in die Details den eigenen Vorstellungen entspricht.

Lange waren zum Beispiel auch nur Männer als Prediger zugelassen und keine Frauen. Das hat sich inzwischen zwar in vielen Kirchen und Gemeinden gebessert, doch dieser Prozess hat schon ein paar hundert Jahre gedauert. Das sogenannte kirchliche «Kanzelrecht»ist eben auch eine Machtfrage.

Eine Frage der Berufung

Wer innerhalb einer Kirche predigen will, braucht natürlich deren Genehmigung. Doch zu jeder Zeit gab es Menschen, die zwar etwas zu sagen hatten und das auch verkünden wollten (genau das bedeutet «predigen», das vom lateinischen «praedicare» kommt), aber solch eine Erlaubnis nicht bekamen. Was tat John Wesley, der Begründer der Methodistenkirche, als er in den anglikanischen Kirchen Hausverbot bekam? Er predigte auf der Strasse weiter. Was tat Martin Luther? Etwas verkürzt: Er gründete seine eigene Kirche. Was tat der Apostel Petrus, als man ihm das Predigen verbieten wollte? Er unterstrich nur: «Es ist uns unmöglich, nicht von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben!» (Apostelgeschichte Kapitel 4, Vers 20)

Eine Frage der Qualität

Nun gibt es etliche, die sich sehr schnell mit Petrus oder Luther vergleichen und meinen, Predigen wäre eine Gabe, die sie bereits hätten. Das mag sein – doch es stimmt höchstens zum Teil. Gute Predigerinnen und Prediger studieren die Bibel, lernen die alten Sprachen und arbeiteten hart an der Qualität ihrer Predigten. Der Besuch einer Bibelschule oder ein Theologiestudium sind gute Wege hierzu.

Gleichzeitig sind Ausbildung und Bildung keine Qualitätsgarantie. Über Petrus und Johannes heisst es in der Apostelgeschichte zunächst, «dass sie ungelehrte Leute und Laien seien» (Kapitel 4, Vers 13). Doch sie hatten Jesus erlebt und wurden von ihm berührt. Und das Ergebnis von Petrus' Predigt ist sensationell: «Als sie [die Menschen in Jerusalem] aber das hörten, drang es ihnen durchs Herz» (Kapitel 2, Vers 37).

Eine Frage der Zuhörenden

Damit kommen wir zur abschliessenden Frage: der nach den Zuhörenden. Denn was wäre eine Predigt ohne sie? Tatsächlich ist dies ein besonderer Knackpunkt, denn in der Regel muss niemand einer Predigt zuhören. Das Ganze ist freiwillig. Prediger und Predigerinnen arbeiten daran, Menschen zu gewinnen. Und hier findet der eigentliche Balanceakt jeder Predigt statt: Es geht darum, Menschen aus ihrer Lebenssituation abzuholen. Ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, ohne sich selbst oder das Evangelium zu verbiegen. Heiliges in profane Worte zu fassen. Aber dabei muss man «die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt danach fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden» – so drückte es Martin Luther in seinem «Sendbrief vom Dolmetschen»aus.

Und nun?

Wer darf nun predigen? Alle. Verboten ist es niemandem. Doch jenseits von dieser Erlaubnis oder eventuellen Machtfragen ist es sinnvoll, wenn Predigende an sich selbst und der Qualität ihrer Botschaft arbeiten. Denn vorletztlich entscheiden ihre Zuhörenden, ob das Gehörte für sie relevant ist. Letztlich aber rührt Gott Herzen an.

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