Erzählen statt belehren – Das Evangelium und die Kraft des Storytellings

Richtige Informationen sind nicht verkehrt, aber sie berühren niemanden. Geschichten schon. Da ist es kein Wunder, dass Menschen seit der Zeit von Jesus Gottes «gute Nachricht», das Evangelium, als Geschichte erzählen.
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Ehrliche Geschichten berühren die Menschen (Symbolbild)

Ich war mitten in meiner Predigt und blätterte mein Konzept um. Was war das? Die nächsten Sätze passten überhaupt nicht zu dem, was jetzt eigentlich kommen sollte. Ich schaute kurz nach: Hier war nichts vertauscht, mir fehlten einfach etliche Seiten. Und nun? Während mein Puls nach oben schoss, dachte ich noch einmal an mein Predigtthema über das Vertrauen auf Gott. Ich musste fast lachen, schob die unnützen Blätter zur Seite und sprach einfach weiter. Wenn meine Predigt irgendjemandem helfen würde, dann sowieso nicht durch meine «brillanten» Gedanken, sondern nur durch Gottes Geist. Vertrauen ist kein Prinzip. Vertrauen ist das, was ich selbst erlebe und dann auch weitergeben kann. Und Geschichten wie diese unterstreichen die Kraft des Storytellings.

Storytelling heute

Wie wertvoll die «Geschichte dahinter» sein kann, beschreibt Klaus Douglass, indem er von Rob Walker erzählt. Der US-Journalist ersteigerte 200 nutzlose Artikel für jeweils einen Dollar bei Ebay. Dann bat er Autorinnen und Autoren, sich zu jedem einzelnen Gegenstand eine kurze Geschichte auszudenken. Anschliessend stellte er dieselben Billigartikel noch einmal bei Ebay ein – diesmal zusammen mit der passenden Geschichte. Ein hässlicher Pferdekopf aus Gips brachte dabei plötzlich 62,95 Dollar ein statt vorher nur einen einzigen Dollar. Alle Artikel stiegen um über 6'000 Prozent im Wert. Dabei waren sie nicht wertvoller geworden – sie hatten jetzt nur eine Geschichte, eine Story.

Diesen Zusammenhang nutzt gute Werbung heute genauso wie die Politik: Dort wird nicht in erster Linie ein Sachverhalt beschrieben, sondern eine Geschichte erzählt. Und diese erzeugt Emotionen, motiviert und verändert unser Denken und Handeln. Wer hier mögliche Manipulation wittert, hat nicht ganz Unrecht, denn natürlich lässt sich das missbrauchen. Vom Ursprung her ist Storytelling jedoch weder Beeinflussung noch Marketing-Technik. Es ist einfach eine besonders gut geeignete Form, um Inhalte so weiterzugeben, dass sie interessant für die Zuhörenden sind. Provokativ fragt Douglass deshalb im Blick auf kirchliche Kommunikation: «Ist das Christentum in Europa so kraft- und saftlos, weil uns die Geschichten ausgegangen sind?»

Storytelling bei Jesus

Die Bibel ist nicht in erster Linie eine Sammlung geistlicher Prinzipien und verbindlicher Regeln. Sie enthält Lieder, Erzählungen und packende Berichte. Bevor sie zum Geschichtsbuch wurde, war sie bereits ein Geschichtenbuch. Kein Wunder, dass Jesus selbst am liebsten in Gleichnissen sprach – Alltagsgeschichten mit einem tieferen Sinn. Diese Geschichten forderten Menschen heraus, sie veränderten sie und schufen damit letztlich eine gemeinsame Geschichte seiner Nachfolger. Das Storytelling von Jesus war keine Sammlung launiger Anekdoten, es war geteiltes Leben. Und es zielt bis heute mitten ins Herz, wenn er Geschichten erzählt wie die vom verlorenen Sohn: «Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zum Vater: Gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt, Vater! Und er teilte ihnen das Gut…»

Storytelling bei dir und mir

Die Chance (und gleichzeitig das Problem) bei gutem Storytelling ist folgendes: Um etwas zu erzählen, muss ich etwas erlebt haben. Es geht nicht darum, altbekannte Wahrheiten zu zitieren, sondern Menschen Anteil zu geben an dem, was Gott in meinem Leben getan hat. Das können Storys sein, in denen es um Leben und Tod geht. Es können aber genauso alltägliche Erzählungen sein, in denen unser Herz mitschwingt. Denn darum geht es: nicht ums Beeindrucken, sondern ums Berühren. Um das ehrliche Mit-Hineinnehmen in mein Leben mit seinem Auf und Ab.

In der Theologie nennt man dieses Gestaltwerden Gottes in unserer Normalität auch Inkarnation. Ja, es ist dasselbe wie das Menschwerden von Jesus. Dieselbe Idee, dass Gott sich dadurch greifbar und verständlich macht. Deshalb betont Klaus Douglass abschliessend: «Üben wir es also wieder ein, Geschichten zu erzählen: alte und neue Geschichten von Gott und von uns. Wie er uns berührt und angesprochen hat und wie er in unserer Mitte wirkt. Geschichten, die Menschen nicht manipulieren, sondern ihnen Lust machen, zu glauben, zu lieben und zu hoffen.»

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