Philipp Widler – «Belanglose fromme Floskeln bewegen nichts»

Die Gesellschaft entfernt sich vom christlichen Glauben. Doch wie erreichen wir Menschen mit dem Evangelium, ohne sie durch Härte abzuschrecken? Ein reformierter Pfarrer ist überzeugt, dass ein Abrücken von elementaren Wahrheiten keine Lösung ist.
zVg.
Philipp Widler

Im Rahmen einer Tagung von Bibel und Bekenntnis Schweiz hielt der evangelische Pfarrer Philipp Widler ein Referat mit dem Titel «Den Namen ‘Jesus’ umschiffen – und andere Predigerpirouetten». Das Referat ist schon etwas älter, der Einblick in die persönlichen Lernprozesse aber noch immer lehrreich. Folgend eine Zusammenfassung.

Auf welcher Seite des Pferdes drohen wir runterzufallen?

«In meinem Werdegang habe ich einen Weg hin zu Predigerpiruetten gemacht und diese in den letzten Jahren wieder abzulegen begonnen.» Eigentlich wollte Philipp in der Verkündigung klar sein – in seinem persönlichen Glauben war er es nämlich immer. «Bei mir und auch bei anderen beobachte ich aber, dass dies in der Praxis nicht immer einfach umsetzbar ist.»

Wer sich ums Ansehen bei Mitmenschen kümmert, neigt dazu, gewisse Wahrheiten zurückzuhalten oder politisch korrekt (sprich: weichgespült) wiederzugeben. Andererseits begegnete Philipp Christen, die sich wenig darum scheren, was ihre Mitmenschen denken und ihnen biblische Wahrheiten in der Folge einfach lieblos um die Ohren knallen. Das seien «Mitchristen, die aufgrund ihrer Klarheit nicht das Evangelium ausstrahlen, sondern Rechthaberei und Arroganz». Nein, so möchte Philipp nicht sein. «Und das führt jetzt zur Gefahr, dass ich auf der anderen Seite des Pferdes runterfalle.» Er will klar sein, ohne damit Menschen unnötig vor den Kopf und damit vielleicht von Jesus weg zu stossen.

Die Reden von Jesus gefielen nicht allen

Dass ein Pfarrer für alle da sein müsse, wird in der Landeskirche unermüdlich wiederholt. «Dummerweise widerspricht dies dem Dienst und dem Anspruch von Jesus. Ich erlebe es nicht oft, dass sich Menschen schockiert von meiner Rede abwenden», sagt Philipp und sieht darin eine Diskrepanz zu Jesus.

Philipp pocht nicht darauf, Hüter der Wahrheit zu sein und ist betroffen, wenn Pfarrkollegen erzählen, wie verletzend es sei, von Evangelikalen als «nicht gläubiger Pfarrer» abgestempelt zu werden. Es ist nicht unsere Aufgabe, über den Glauben von jemandem zu richten.

Den Namen Jesus aussprechen und leere Floskeln vermeiden

Als Folge seines inneren Ringens begann Philipp seine Sprache zu verändern. «Der Inhalt und inneren Überzeugungen blieben gleich, lediglich die Verpackung machte ich für Zuhörer annehmbar.» So dachte er zumindest. «Tatsächlich begann ich, um den heissen Brei herumzureden.» Sein Wunsch, «den Griechen ein Grieche zu werden», führte zu einem Verwässern des Evangeliums.

Gerade die Versuchung, den Namen ‘Jesus’ zu vermeiden, sei ein Problem. Dieser Name provoziert. Von Christus, Gott, dem Allmächtigen oder auch Gottes Sohn zu sprechen, sei weniger kritisch. Und obwohl diese Begriffe nicht falsch sind, spricht Philipp den Namen Jesus heute bewusst aus. «Jesus ist ein Stolperstein. Jesus steht für die echte historische Person.» Solange Begriffe wie Sünde, Kreuz oder Erlösung als Floskeln in den Raum geworfen werden, ecke man damit nicht an. Philipp sieht es aber als Aufgabe von Verkündigern, diese Begriffe immer wieder mit Inhalt zu füllen. «Das füllt sie aber auch mit dem Potential, um anzuecken.»

Erklärte Inhalte statt leere Floskeln

Philipp ist gegen die vereinfachte Formel «bekenne deine Sünden, sprich ein Gebet und du bist für immer gerettet», warnt aber vor der Unterlassung, den Heilsweg zu erklären. Letztlich haben alle Redewendungen, welche nicht mit Inhalt gefüllt werden, im Leben der Zuhörer wenig Wirkung – und wecken auch kaum Widerstand.

Als eine Predigerpiruette versteht Philipp auch die Tatsache, die Konsequenzen davon, sein Leben nicht Jesus anzuvertrauen, unerwähnt zu lassen. Er selbst bedauert, dass ihm zuweilen der Mut fehlt, klar über diese Konsequenzen zu sprechen. «Das Ganze bleibt für mich ein Kampf.» Es brauche ein seelsorgerliches Gespür dafür, welche Themen bei welchen Situationen angesprochen werden müssen – und schon besteht wieder die Gefahr, aus Angst vor negativen Reaktionen gewisse Dinge überhaupt nicht mehr anzusprechen.

Schluss mit Predigerpiruetten

«Mein Auftrag ist, in meinem Bekenntnis zum historischen Jesus klar zu sein. Ich spreche heute konsequent von Jesus und verstecke ihn nicht mehr hinter irgendwelchen Formulierungen.» Also: Schluss mit irgendwelchen Predigerpiruetten. Dabei stellt Philipp fest, dass Leute weniger Mühe mit der klaren Wahrheit haben, als er denkt. Das Gegenteil sei der Fall: «Viele Menschen schätzen die Klarheit!»

Als Wegweiser weist Philipp auf die Wahrheit hin. Ob die Leute diese dann annehmen, liegt nicht in seinen Händen. Die Verantwortung hierfür Gott zu überlassen gibt ihm eine Entspanntheit, welche von den Zuhörern wahrgenommen wird. Natürlich gab es durch seine Predigten auch Reaktionen, die daraus folgenden Gespräche erlebt er in der Regel aber als konstruktiv. «Und selbst kritische Diskussionen sind ja nichts Schlechtes.»

«Menschen ertragen Klarheit»

Auch heikle Themen wie Homosexualität oder Gender Mainstream spricht Philipp an. «Bei ethischen Themen stehen wir im Gegenwind, der uns auch von scheinbar frommen Menschen entgegenbläst. Es braucht Mut, dafür einzustehen.» Dieser Mut mag manchmal fehlen und deshalb brauchen wir den gegenseitigen Zuspruch. Letztlich sei aber klar: «Menschen ertragen Klarheit. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese zu liefern!»

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