Zum Glauben einladen – Lieber Zeuge sein als Zeugnis geben

Beim Reden vom Glauben lassen sich Botschafter und Botschaft nicht trennen. Die Kraft eines Lebenszeugnisses wächst mit der Glaubwürdigkeit der Zeugin oder des Zeugen.
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Ein Zeugnis sein

«Ich muss Zeugnis geben» klingt nach einer Lehrerin, die am Ende des Halbjahres ihre Klasse bewerten soll. Natürlich bedeutet es im christlichen Kontext etwas völlig anderes, doch auf der Beliebtheitsskala ist das christliche Zeugnis bei Gebern und Empfängern fast so weit unten angesiedelt wie das schulische. Das liegt nicht zuletzt an zwei Faktoren: Wer ein Zeugnis gibt, fühlt sich oft inkompetent dabei, weil er oder sie daran zweifelt, dass die eigene Übung dazu ausreicht oder man die entsprechenden Methoden beherrscht. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn Gläubige ihren Methodenkoffer völlig im Griff haben und dem Gegenüber wie im Verkaufsgespräch die entsprechenden Punkte der «Vier geistlichen Gesetze» vorsetzen. 

Auf Empfängerseite führt solch ein Zeugnis oft zu Irritationen. Will hier ein Christ erzählen, was er mit Jesus erlebt hat? Oder will er unterstreichen, warum er besser ist als ich? Solch ein Eindruck kann leicht entstehen, wenn man zuerst erklärt «Mir ging es früher genauso wie dir», um dann zu unterstreichen «aber ich habe dadurch zu Gott gefunden». In Klammern: du nicht – schade eigentlich.

Die persönliche Seite

Diese Untertöne, das, was beim Reden vom Glauben mitschwingt, erhalten momentan eine wichtigere Bedeutung, als es früher der Fall war – zumindest nehmen viele Gläubige das so wahr. Der Evangelist Billy Graham wurde berühmt mit seinem Satz: «The Bible says…» – die Bibel sagt. Heute erhalten seine Kolleginnen und Kollegen darauf die Antwort: «Wirklich? Mir sagt sie das nicht.» Ähnliches gilt auch für das klassische Zeugnis, also das Erzählen, wie man selbst Jesus erlebt hat. «Schön für dich», heisst es danach oft, «aber was hat das mit mir zu tun?» Hier ist es gut, wenn Christen diese Einwände nicht als Angriffe verstehen, sondern als das, sie sind: als Suche nach einem persönlichen Bezug bei Glaubensfragen. In gewisser Weise ist dies eine Rückkehr in biblische Zeiten, denn die Botschafter werden wieder wichtiger als die Botschaft – mehr noch: Sie sind Teil der Botschaft.

Die Wichtigkeit der Zeugin

Zu den wichtigen Fragen beim Zeugnis-geben gehört also nicht mehr: «Habe ich alles richtig erklärt?», sondern vielmehr: «Kann der andere das auch in meinem Leben sehen?» Das beginnt bei der Liebe. «Gott liebt dich» funktioniert als Aussage nur, wenn das Gegenüber sich auch von Gottes Bodenpersonal geliebt fühlt. Es geht weiter mit einer typisch christlichen Eigenschaft wie Demut. Wer nicht nur seine Wahrheiten anbringen und seine versteckte Agenda an Gesprächspunkten abhaken möchte, der braucht Zeit und die innere Grösse, sich auch auf Anliegen des anderen einzulassen. Solche Christen sprechen von ihrem Glauben, aber sie hören genauso zu, trinken viel Tee, zeigen Verständnis und erweisen sich als Freunde. Sie reden übrigens nicht nur, sondern sind auch da, wenn mal bei einem Umzug mit angepackt werden muss oder jemand Hilfe bei seiner Steuererklärung braucht. 

Bei alldem geht es auf keinen Fall darum, anderen nach dem Mund zu reden – Christen dürfen und sollen mutig ihren Glauben ins Gespräch einbringen. In dem Masse, wie sie sich bewusst sind, dass es um sie als gesamte Personen geht und nicht nur um den «frommen Anteil», bewirkt solch ein Zeugnis, dass andere dabei normale Menschen sehen, in denen Gott für sie Gestalt gewinnt. Das einzige Problem: Ein Zeugnis geben kostet nur drei Minuten Zeit, Zeuge sein ist nicht so schnell erledigt, doch die Auswirkungen sind ungleich grösser.

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