Eine ketzerische Frage – Was, wenn die nächste Erweckung gerade geschieht?

Für viele Christen ist Erweckung ein ständiges Gebetsanliegen. Sie warten und hoffen auf die nächste Periode, in der Gottes Geist auf besondere Weise wirkt. Der US-Pastor Keith Giles fragt provokant: Und wenn wir nach den falschen Anzeichen suchen?
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Keith Giles

Für viele Christen ist Erweckung ein ständiges Gebetsanliegen. Sie warten und hoffen auf die nächste Periode, in der Gottes Geist auf besondere Weise wirkt. Der US-Pastor Keith Giles fragt provokant: Und wenn wir nach den falschen Anzeichen suchen? Was, wenn die nächste Erweckung gerade geschieht?

Die Kirchengeschichte kennt etliche Erweckungsbewegungen, die jeweils von Erneuerung, Heiligung, aber auch sozialen Aufbrüchen geprägt waren. Das begann mit der Reformation im 16. Jahrhundert und ging weiter mit den Puritanern in den USA und den Pietisten in Deutschland. Manche Erweckungsbewegungen blieben eher lokal in ihren Auswirkungen wie die im Siegerland oder in Württemberg im 19. Jahrhundert und die in Walesum 1904. Andere hatten weltweite Auswirkungen wie die gleichzeitig entstehende Azusa-Street-Erweckung, die als eine der Wurzeln der damaligen Pfingstkirchen und der heutigen charismatischen Bewegungen gilt.

Die Zeichen stehen auf Erweckung

Wer «Erweckung» in eine bekannte Internetsuchmaschine eingibt, erhält über zwei Millionen Ergebnisse. Beim englischen «Revival» sind es bereits 1,5 Milliarden. Sehr schnell werden dort auch bekannte und weniger bekannte Erweckungspredigerinnen und -prediger genannt, die die Voraussetzungen für Erweckung beschreiben, eine Schule der Erweckung anbieten oder gewaltige Glaubensaufbrüche in Afrika, Asien, der Schweiz oder Deutschland prognostizieren.

Keith Giles verweist in diesem Zusammenhang auf die noch relativ junge «Emerging Church»-Bewegung, die seiner Meinung nach Kirchen weg von einem «Gemeindeleben wie üblich» rief. Ihre Frage war: «Warum tun wir Dinge auf diese Art und Weise?» Könnte das, was viele als Dekonstruktion erleben, als kritisches Hinterfragen bestehender Formen und Verhaltensweisen, mehr sein als ein Angriff auf Kirchenhierarchien und Schriftverständnis? «Tatsächlich könnte es sein, dass dies ironischerweise die nächste 'grosse Erweckung' ist, die der Leib Christi gerade jetzt dringend benötigt», meint Giles.

Die Sehnsucht nach Erweckung ist romantisiert

Ein Teil der christlichen Sehnsucht nach Erweckung ist die nach echtem Leben. Doch hier hakt Giles ein. Ein grösserer Teil ist die Verklärung der «guten alten Zeit». Erweckung soll geschehen, indem das wiederhergestellt wird, was früher einmal war: heile Familien, volle Kirchen, starker Glaube.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass die Realität früher in Wirklichkeit anders aussah. Die Mechanismen der erwarteten Erweckung sollen dieselben sein wie bei vergangenen Erweckungen, doch ein Blick zurück zeigt: Keine Erweckung hat die jeweils vorigen kopiert. Das Wort Gottes spielte jeweils eine herausragende Rolle, doch wie sich diese Rolle entfaltete, war jeweils neu und oft genug überraschend.

Echte Erweckung geschieht vorbei an den Kanzeln

Könnte es sein, dass es schon lange darum geht, Gott zu lieben und andere Menschen, so wie Christus uns geliebt hat? Könnte es sein, dass in vielen Kirchen und Gemeinden so viel von Sünde, Umkehr und Gemeindemitgliedschaft die Rede ist, dass es dabei in den Hintergrund geriet, dass Gott «die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete» (2. Korinther Kapitel 5, Vers 19)? Giles schlussfolgert: «Deshalb wirkt der Geist Gottes an den Kanzeln vorbei und wendet sich direkt an die Herzen seiner Kinder.» Er weiss, dass die Pastorinnen und Pastoren weiterhin predigen werden, aber nach seiner Einschätzung werden «die Menschen sich mehr und mehr dafür entscheiden, ihnen nicht länger zuzuhören».

Könnte es sein, dass sich die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes Bahn bricht? «Das mag nicht die Erweckung sein, die einige von uns wollten», räumt Giles ein, «aber es ist genau die Erweckung, die der Leib Christi heute dringend braucht.»

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