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Jo Rowe mit ihren vier Kindern

Veränderung ist möglich – «Meine Kinder kopieren meine wütenden Reaktionen»

«Ich dachte, ich sei ein ziemlich ausgeglichener, ruhiger Mensch», sagt Jo Rowe, Mutter von vier Kindern aus England. Doch dann, beim Autofahren, wetterte eines ihrer Kinder mit ihren Worten...

«Ich dachte, ich sei ein ziemlich ausgeglichener, ruhiger Mensch», sagt Jo Rowe, Mutter von vier Kindern aus England. Doch dann, beim Autofahren, wetterte eines ihrer Kinder mit ihren Worten…

«Als ich meinen damals dreijährigen Sohn ausrufen hörte: 'Was für ein Idiot!', als ein Auto vor uns ausscherte, merkte ich, dass es anders war! Ich war wohl doch nicht so ruhig und gelassen, wie ich dachte», reflektiert Jo Rowe.

Von den Kindern überführt

Sie habe sich überführt gefühlt, so die vierfache Mutter. «An diesem Tag realisierte ich ganz klar, was hier ablief: Meine Kinder lernten von mir, und was sie aufgeschnappt hatten, gefiel mir gar nicht. Sie kopierten meine wütenden Reaktionen.»

So erkannte Jo Rowe, dass sie zu oft vorschnelle Urteile fällt. «Ich beurteilte die Kassiererin als langsam, die Kaffeebarfrau als zu gesprächig, den Busfahrer als mürrisch, ... Erst als mein Sohn mir meine eigenen Worte zurückspiegelte, wurde mir klar, dass sich etwas ändern musste.»

Das Vielleicht-Spiel

Als erstes tat Jo Rowe Busse. «Ich wollte meinen Kindern zeigen, dass ich mich ändern muss. Und dann beschlossen wir, ein Spiel einzuführen, um unsere Gewohnheiten zu ändern. Wir nannten es 'Das Vielleicht-Spiel'!»

Das Ziel des Vielleicht-Spiels ist es, eine Pause zwischen der Wahrnehmung eines Verhaltens und der Reaktion darauf zu schaffen. «Wenn wir innehalten, können wir unser Mitgefühl vor unser Urteil stellen. Das Vielleicht-Spiel schafft diese Pause. Die Regeln des Spiels sind einfach, es gibt eigentlich nur eine ... Man muss versuchen, einen möglichst freundlichen Grund für das Verhalten oder die Situation zu finden. Je mehr Gründe du dir einfallen lässt, desto besser funktioniert es.»

Humor und Gnade gefunden

«Als mich zum Beispiel ein kleines rotes Auto an einer Kreuzung überholte und anschliessend mit 30 km/h unter dem Tempolimit fuhr, mussten wir uns mitfühlende Gründe überlegen, warum das so sein könnte. Meine älteste Tochter vermutete, dass das Auto vor ihr voll mit Weingläsern war, die auf dem Weg zu einer Hochzeit waren. Meine zweite Tochter meinte, dass sie zum Krankenhaus fuhren und ihre langsame Geschwindigkeit dazu diente, ein gebrochenes Bein nicht zu erschüttern. Mein ältester Sohn entschied, dass es sich um die erste Fahrt in einem Auto nach einem Unfall vor einigen Monaten handelte, und mein Dreijähriger dachte, dass sie vielleicht Marmelade in einer offenen Schale auf dem Schoss des Beifahrers transportieren würden! Bei jedem Vorschlag spürten wir, wie unser Mitgefühl und unser Humor zunahmen. Wir fuhren immer noch sehr langsam hinter dem kleinen roten Auto her, wir waren immer noch ungeduldig, aber wir hatten innegehalten, um die andere Person zu betrachten, und in dieser Pause fanden wir etwas Gnade.»

Vielleicht …

Fünf Jahre später ist dieses Spiel zum Standard geworden. «Wir spielen es immer dann, wenn wir in eine Situation geraten, die uns veranlasst, zu urteilen. Vielleicht ist die Kaffeeverkäuferin wirklich einsam, vielleicht geht sie nach Hause in eine leere Wohnung und redet bei der Arbeit, um sich verbunden zu fühlen.»

Oder: «Womöglich hat der Busfahrer chronische Schmerzen oder schlechte Nachrichten gehört oder muss – wie mein Sohn vorschlug – auf die Toilette. Die Gründe können ernst oder dumm, lächerlich oder machbar sein, das Ergebnis ist immer dasselbe: Mitgefühl.»

Ganze Klasse hörte zu

Vor kurzem hatte Jo Rowe, die als Lehrerin arbeitet, die Gelegenheit, in der 5. Klasse das Vielleicht-Spiel zu erläutern. «Unser Wert für dieses Schuljahr war Mitgefühl, und wir sprachen darüber, wie wir Mitgefühl haben können, auch wenn es uns schwer fällt. Die Klasse liebte es, sich verschiedene Vielleicht’s für verschiedene Szenarien auszudenken; die Vielleicht’s waren vielfältig und wild. Unzählige Eltern haben mich am Schultor darauf angesprochen und gesagt, dass ihre Kinder das Spiel zu Hause eingeführt haben.»

Es ist eine einfache und lustige Art, sich daran zu erinnern, «dass wir nicht die ganze Geschichte der anderen kennen. Ich warne jedoch, dass wenn dieses Spiel in der Familie oder Jugendgruppe eingeführt wird, es auf einen zurückfällt. Sie werden nie wieder in der Lage sein, ihren Frust im Auto oder in einer Warteschlange abzulassen, oder Sie werden, wie ich, eine kleine Stimme hinter sich hören, die 'Vielleicht' sagt ...»

Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee...

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