Livenet / Roland Streit
Urs Saner mit einer Autogrammkarte seines guten Freundes Kaplan Flury

Kaplan Alfred Flury – Beatles-Konkurrent in Kaplans-Robe

Die Schweiz mit eigenem Don Camillo? Zumindest sah man Alfred Flury damals klassisch schwarz gekleidet auch mit Jungen Fussball spielen. Mit seiner musikalischen Gabe erzielte er Nr.1-Hits und verdrängte sogar die Beatles von der Spitze.

«Die Drogen braucht's nicht – die beste Droge ist, an Gott zu glauben. Je mehr man davon nimmt, umso besser.» Mit diesem Lebensbild aus den 1960er-Jahren lernen wir den Kaplan Alfred Flury mit seinem Herz für Drogenabhängige kennen und kommen auch etwas dem Geheimnis auf die Spur, wie äusserst fromme Lieder (z.B. Ich will an deiner Seite geh’n) zu einer so breiten Beliebtheit gelangen konnten.

Livenet konnte ein Exklusiv-Interview mit dem engen Freund und Wegbegleiter von Alfred Flury, Urs Saner, führen und möchte so die ausserordentliche Persönlichkeit in Erinnerung rufen. Saner, seines Zeichens Illusionist und selber bekannter Entertainer (Orsani), ging bei Flurys in Wangen bei Olten ein und aus: «Seine Eltern waren wie Grosseltern für mich», sagt Saner und ergänzt, dass so zum 14 Jahre älteren Flury eine innige Freundschaft entstand.

Geburt, Grenchen und Gesang

Am 16. April 1934 bei Olten geboren und aufgewachsen, entdeckte der junge Flury bald seine innere Berufung für den kirchlichen Dienst und absolvierte das Theologiestudium in Luzern. Das Vikariat führte ihn ins solothurnische Grenchen. Später wirkte er als Religions- und Gesangslehrer am Kollegium St. Michael in Zug.
Seine Lieder sollten ihn zu herausragender Popularität führen.

Fiat 500 statt Luxuskarosse

Wer die «Don Camillo»-Filme kennt, wird unweigerlich an diese Figur erinnert. Kaplan Flury konnte an keinem Ball vorbei gehen. In schwarzer Kleidung schoss er bei den Kindern ein Tor und fuhr dann weiter zu seinem nächsten Termin. «Er war ein dynamischer, ja, ein wilder Typ», erzählt Urs Saner und fügt an: «auch in der Pfadi-Szene mischte Fredy heftig mit.»

Oft war er einfach mit seiner Vespa unterwegs. Zum Bild des Kirchenmannes passte auch, dass er trotz zunehmender Berühmtheit weiterhin nur einen Fiat 500 fuhr und nicht einen grösseren Schlitten. Grosse, teils luxuriöse Autos wurden ihm als Geschenke angeboten. Einzig einen Chevy Impala fuhr er ab und zu.

Männerfreundschaft

Der Kaplan gründete in der Kirchgemeinde mit Saner auch einen Jugendchor, wo Gospel gesungen wurde, und hatte eine Band inklusive verpöntem Schlagzeug. «Christentum ist für mich eine fröhliche Sache», sagte Flury. «Musik auch.»

In späteren Jahren waren die beiden etablierten Künstler als singender Pianist «Don Alfredo» und «Magic Man» unterwegs; oft an privat-illustren Anlässen wie Firmen-Jubiläen, von reichen Bossen organisiert.

Fromme Lieder stürmen Herz und Hitparade

Passend zu Alfred Flurys Lebenshaltung sind diese Aussagen: «Egal, was für einen Hintergrund, jeder Mensch ist ein Mensch; ein heiliges Individuum, sie wissen es nur nicht.» – «Die Drogen braucht's nicht – die beste Droge ist an Gott zu glauben. Je mehr man davon nimmt, umso besser.»

Seine Lieder wurden damals schnell weit über das Internat, wo er tätig war, hinaus bekannt und bei jungen Leuten populär. So entstand 1964 mit «Ich will an deiner Seite geh’n» ein erster Hit auf Schallplatte. Die Scheibe startete zunächst in der Schweiz und dann in Österreich durch, wo sie zehn Wochen lang die Hitparade anführte; dies noch vor den Beatles! Es folgte Deutschland.

Es war die Hochsaison der «Neuen Geistlichen Lieder». So reihte sich Kaplan Flury in die Annalen von Aimé Duval oder Soeur Sourire mit ihrem 1963er-Hit «Dominique» ein. Rund 600'000 Platten verkaufte der Geistliche.

Auf Augenhöhe mit Jimmy Hendrix, Bundeskanzler & Co

Der menschenfreundliche Musiker hatte offene Türen in das Showbusiness und zu vielen Promis. Er war ein aktiver Förderer, auch in der deutschen Unterhaltung, in der Schriftsteller-Gilde und selber Buchautor. Unter seinen Kontakten zu Berühmtheiten waren: Jimmy Hendrix, Ivan Rebroff oder Josephine Baker. Auch Katja Ebstein, Kanzler Kohl, der Kardinal von Wien, Erika Hess, Günther Grass, der Peppone-Darsteller der «Don Camillo Filme» und viele mehr gehörten dazu.

Rückzug vom Ruhm – alles für die Jungen

Obwohl Kaplan Flury äusserst beliebt war, hatte er Gegner; auch christliche. Er zog sich zurück, wollte nicht Schlagerstar sein. Urs Saner erzählt, wie er tatsächlich angebetet wurde, beispielweise in einem Schuhladen, wo er alles hätte haben können, wie bei den Autos. «Ich will kein Schlagerstar sein, auch kein Kirchenmusiker. Ich will nicht mal die Leute in die Kirche singen! Ich singe aus Freude am Leben», bezeugte er, «aber wenn ich nun mal ein Star bin und Geld einnehmen kann, habe ich nichts dagegen! Aber alles, was ich übrig habe, kommt der Jugend zugute. Und – unter uns gesagt – die jungen Leute sind es wert, dass man alles für sie tut, was man kann!»

Promis gegen Drogen

«Jeder Jugendliche hat es verdient, dass man ihm nachgeht. Auch auf den Letten.» Beispielhaft war, wie Alfred Flury in Zug einen Jungen nach dem Drogenentzug aus dem Jugendheim holte und ihn mit dem Nötigsten versorgte. Stets ging er solch verlorenen Schafen nach.

In diesem Geiste gründete der Kleriker 1971 mit dem Symbol des «Sonnenrads» eine Stiftung gegen Drogen. Im Buch «Kaplan Flury – Mit Gitarre und Sonnenrad» steht: «Es sollte fortan das Identifikationssymbol für abstinente Personen sein. Unzählige Prominente, Politiker und Sportgrössen wie Gerd Müller oder die Skilegende Toni Sailer konnte er gewinnen. Sie halfen ihm, seine Botschaft zu verbreiten.» Das Medien-Echo war gross.

Nebst der persönlichen Drogenprophylaxe beantwortete der Kaplan in der Schweizer Jugendzeitschrift «Pop» in der Kolumne «Unter uns» Briefe der Leser.

Gottesglaube in diversen Diensten

Saner bezeichnet den herausragendsten Charakterzug Flurys als «offener Geist», kreativ, aber besonders auch Personen gegenüber offen. «Er lebte, was er predigte, war mit einem ‘Ciao’ auf derselben Ebene wie sein Gegenüber und war nicht moralisierend», so der Grenchner. Seinen Glauben habe er gelebt, und Gebet konnte auch bedeuten, dass sie nach einem Einsatz zusammen im Auto fuhren und er in der Haltung ‘Gott lenkt uns’ mit halboffenen Augen betend unterwegs war. 

Der Kaplan habe alles als Seelsorge an den Menschen verstanden. Er war sehr gesellig, beherrschte allerlei Musikinstrumente, war als Zeichnungslehrer tätig und liebte das «Jassen».

Aufgabe der Christen: Mensch zu Positivem bringen

Nur zehn Tage vor seinem 52.Geburtstag verstarb der singende Kaplan am 6. April 1986. Urs Saner erinnert sich betroffen: «Noch am Donnerstag vor seinem Tod, bat er mich, vorbeizukommen. Die Umstände erlaubten es kaum. Aber ich hätte es tun sollen.» Die Abschiedsfeier fand in bescheidenem Rahmen statt, obwohl man mehr erwarten konnte. Wiederum passte auch dies zu ihm.

Eine Aufgabe der Christen war ihm besonders wichtig: «Wir Christen sollten die Menschen zu einer gesunden Fröhlichkeit, nicht Leichtsinn, und einer positiven Lebensauffassung bringen.»

Der Hit «Bleib nicht stehen» von Kaplan Flury:

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