Erfolg durch Erfolglosigkeit – Vor 75 Jahren fuhr die «Exodus» mit Flüchtlingen nach Palästina

Der erfolglose Ausreiseversuch von 4.500 Holocaust-Überlebenden nach Israel auf der «Exodus» gehört zu den dramatischsten Geschichten der Nachkriegszeit. Und er hat grossen Anteil an der Staatengründung Israels.
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Die «Exodus» im Hafen

Der erfolglose Ausreiseversuch von 4'500 Holocaust-Überlebenden nach Israel auf der «Exodus» gehört zu den dramatischsten Geschichten der Nachkriegszeit. Und er hat grossen Anteil an der Staatengründung Israels.

Am 11. Juli 1947 lief die «President Warfield» in Südfrankreich aus. In wenigen Tagen sollte sie in Palästina anlanden. An Bord des kleinen Schiffes befanden sich die 39-köpfige Besatzung und 4'515 Passagiere – allesamt jüdische Flüchtlinge, die nach Kriegsende im Gebiet ihrer alten Heimat Israel ein neues Leben beginnen wollten.

Vom Seelenverkäufer zum Seelenretter

Die «Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina» war zwar seit dem Ersten Weltkrieg beschlossene Sache, doch aus Rücksicht auf arabische und vor allem eigene Interessen setzte die britische Regierung sie nicht um. Sie hatte durch den Völkerbund das Mandat für Palästina (heutiges Israel plus Jordanien) erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg reisten zwar einzelne Juden illegal ein, doch Reise und Aufenthalt gestalteten sich schwierig. So planten europäische Juden der zionistischen Haganah-Bewegung eine grossangelegte Einwanderung per Schiff.

Auf einem US-Schiffsfriedhof entdeckten sie den Flussdampfer «President Warfield», der einmal 400 Passagiere in luxuriöser Umgebung transportiert hatte. Der Seelenverkäufer war zum Schrottpreis zu haben. Sein Vorteil war der geringe Tiefgang – damit hofften die Verantwortlichen, die Flüchtlinge in Palästina trotz Seeblockade bis fast an Land bringen zu können. Zunächst wurde das Schiff wieder hergerichtet und anschliessend nach Europa überführt. All das sollte heimlich geschehen, doch der britische Geheimdienst hatte vom Vorhaben erfahren und liess das Schiff beobachten.

Gescheiterter Exodus

In Marseille wurde das Schiff so ausgebaut, dass es fast 5'000 Passagiere befördern konnte. Heimlich waren diese in Zügen aus verschiedenen Flüchtlingslagern angereist und so brach das Schiff am frühen Morgen des 11. Juli auf – kurz bevor es auf Druck der Briten festgesetzt werden konnte. Noch auf dem Mittelmeer wurde das Schiff am 18. Juli zu den Klängen von «HaTikwa», der heutigen Nationalhymne Israels, in «Exodus» umbenannt.

Jossi Harel, der damals 28-jährige Kapitän, fuhr mit seiner seltsamen Fracht bis vor die Küste Israels, doch die Seeblockade machte ein Anlanden unmöglich. Schliesslich wurde die «Exodus» von britischen Kriegsschiffen aufgebracht und geentert. Die Juden an Bord verteidigten sich, indem sie die bewaffneten Soldaten mit Kartoffeln bewarfen. Es gab einige Tote. Um eine Eskalation zu verhindern, kapitulierte der Kapitän. Die «Exodus» wurde in den Hafen von Haifa geschleppt, die Juden an Bord wurden interniert und dann mit drei britischen Schiffen in Internierungslager gebracht – ausgerechnet nach Deutschland.

Erfolg durch Erfolglosigkeit

Längst nahm die Weltöffentlichkeit Anteil am Schicksal der Juden. Truman, der damalige US-Präsident, verwandte sich für sie. Die Kritik am britischen Handeln wurde immer lauter und ebbte auch in den kommenden Wochen nicht ab. So wurden die Briten quasi dazu gezwungen, die in der Gegend von Lübeck internierten Juden wieder freizulassen. Bald darauf zogen sie sich aus ihrem Protektorat in Palästina zurück. Der Weg wurde frei für den Staat Israel, der im Mai 1948 gegründet wurde.

Die Bilder der überladenen «Exodus» waren um die Welt gegangen und hatten ihren Teil dazu beigetragen. Das Schiff lag noch eine Weile im Hafen von Haifa, brannte aber schliesslich aus und sank. Am Hafen erinnert bis heute ein Denkmal an «das Schiff, das eine Nation ins Leben rief». Weltberühmt wurde die «Exodus» durch den gleichnamigen Monumentalfilm von 1960 nach dem Roman von Leon Uris. Buch und Film vermischen die historische Handlung mit zahlreichen fiktiven Elementen, doch selbst die nüchterne Darstellung der Fakten (wie in der «Jüdische Allgemeine» oder der «Welt») lesen sich bis heute wie ein Krimi.

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