Zwischen Selbstprüfung und Hoffnung – Rosch ha-Schana – das jüdische Neujahrsfest

Wir gewöhnen uns gerade daran, dass der Sommer vorbei ist und der Herbst kommt, da ist für die jüdische Gemeinschaft bereits Neujahr: Vom 22. bis 24. September wird Rosch ha-Schana gefeiert.
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Rosch ha-Schana – das jüdische Neujahrsfest

Vor 5'783 Jahren soll Gott die Welt erschaffen haben. Und den letzten Tag dieser Schöpfung feiern Jüdinnen und Juden heute noch als Rosch ha-Schana – als «Kopf des Jahres». Mit diesem Fest startet das neue Jahr im hebräischen Kalender. Der Monat Elul ist zu Ende und Tischri fängt an. Das Fest findet traditionell an zwei Tagen statt – dieses Jahr am 23. und 24. September. Wie alle jüdischen Feiertage beginnt es allerdings schon am Abend vorher.

Rosch ha-Schana ist ein Fest, das seine Wurzeln bereits in der Hebräischen Bibel hat. In 3. Mose, Kapitel 23, heisst es dazu: «Und der Herr redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israels und sprich: Im siebten Monat, am ersten des Monats, soll ein Ruhetag für euch sein, ein Gedenken unter Hörnerschall, eine heilige Versammlung. Ihr sollt keine Werktagsarbeit verrichten, sondern dem Herrn ein Feueropfer darbringen.» Die Bibel erklärt nicht viel zur Ausgestaltung des Festes, nur dass es die «ehrfurchtsvollen Tage» vor dem Versöhnungstag, dem Jom Kippur-Fest, einleitet, und dass das Blasen des Schofar, des Widderhorns, unbedingt dazugehört.

Selbstprüfung

Es ist festgelegt, dass Rosch ha-Schana nie auf einen Sabbat fällt, so nehmen sich viele Jüdinnen und Juden dafür frei, wenn ihr Arbeitgeber sie nicht freistellt. Am ersten Tag steht für sie der Rückblick aufs vergangene Jahr an. Es ist ein Tag des «Gerichts», der persönlichen Bilanz. Symbolisch gehen dazu viele ans Wasser, krempeln dabei ihre Jacken- und Hosentaschen nach aussen, leeren Fussel oder Brotkrümel aus und streuen sie ins Wasser. «Taschlich» heisst dieser Brauch: «du wirfst». So unterstreichen sie, dass sie sich von alten Lasten befreien möchten, dass sie Busse und Umkehr brauchen. Symbolisch spülen sie damit ihre Sünden fort und erinnern sich an das, was der Prophet Micha versprochen hat: «Er [Gott] wird sich wieder über uns erbarmen, unsere Missetaten bezwingen. Ja, du wirst alle ihre Sünden in die Tiefe des Meeres werfen!»

Ein Rabbiner oder ein Gemeindeglied bläst dazu das Schofar. Dessen durchdringender Ton soll die Menschen zu Besinnung und Busse rufen und erinnert an Gottes Königsherrschaft. Das Fest ist der Beginn der zehntägigen Busszeit vor dem Versöhnungstag. Man trifft sich in der Synagoge, isst zusammen, aber insgesamt sind die Tage eher ehrfürchtig und schwer als voller Lebensfreude wie andere Feiertage. (Nicole Dreyfus hat darüber eine lesenswerte Glosse in der Jüdischen Allgemeinen geschrieben.)

Hoffnung

Doch Rosch ha-Schana hört nicht mit dem Blick zurück auf. Es setzt den Startpunkt in ein neues Jahr. Traditionell wird hierbei «gefilte Fisch» gegessen, ein mit Fisch gefüllter Karpfen. Dazu steht rund gewickeltes Weissbrot auf dem Tisch, das damit den Jahreskreislauf symbolisiert. Klassisch für das Fest sind auch Apfelstücke, die in Honig eingetaucht werden. Sie stehen für den Wunsch nach Segen, Fülle und einem «süssen neuen Jahr».

Je nach politischer Einstellung denken Jüdinnen und Juden hierbei auch an die Menschen in Gaza, aber praktisch alle haben auf dem Schirm, dass sich noch immer Geiseln in der Gewalt der Hamas befinden. Ha Galil schreibt dazu: «Wir wünschen uns Frieden, Frieden für Israel, Frieden für alle Menschen, Frieden für Gaza, Frieden in der gesamten Region. Auf ein besseres neues Jahr, ein Jahr mit guten Nachrichten.» So verknüpfen sich seit alters an Rosch ha-Schana persönliche Wünsche, politische Erwartungen und die Hoffnung auf Gottes Handeln miteinander.

Übrigens: Unser Neujahrswunsch «Guten Rutsch!» bezieht sich nicht auf Eisglätte an Silvester, sondern kommt höchstwahrscheinlich aus dem Jiddischen und meint eigentlich: «Guten Rosch (ha-Schana)!»

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