Berufen – was bedeutet das? – Teil 3: Herzenswünsche

Jeder Christ ist von Gott berufen. Doch es gibt ganz unterschiedliche Wege, wie Gott seine Beauftragung zusprechen kann. In dieser Miniserie zeigt Werner May verschiedene Bereiche auf, in denen wir offen für Hinweise sein dürfen.

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Jeder Christ ist von Gott berufen. Doch es gibt ganz unterschiedliche Wege, wie Gott seine Beauftragung zusprechen kann. In dieser Miniserie zeigt Werner May verschiedene Bereiche auf, in denen wir offen für Hinweise auf die eigene Berufung sein dürfen.

«Lass den Herrn die Quelle deiner Freude sein: Er wird dir jeden Wusch erfüllen.» (Psalm 37, Vers 4) Beauftragungen können ausserdem an unseren Herzenswünschen erkannt werden. Dafür müssen wir unseren Herrn kennen, überhaupt oder wieder entdecken, sodass er die Quelle unserer Freude wird. Denn manchmal unterdrücken wir Träume oder Wünsche sehr schnell, halten sie für egoistisch, fleischlich, für Gott unwichtig, legen sie bei unserer Bekehrung beiseite, um ganz für Gottes Willen offen zu sein. Das ist prinzipiell eine gute Absicht, doch Gott achtet auch unsere Wünsche und hat manche davon in unserem Herzen wachsen lassen.

Wünsche sind nicht von vornherein schlecht, sie dürfen erkannt und dann auch geprüft werden. So kann es im Alltag und in Bezug auf Berufung durchaus eine hilfreiche Übung sein, ab und zu eine «Wunschanalyse» durchzuführen. Das geht so:

  • Ich schreibe acht Wünsche auf, z.B. etwas zu tun, was mir attraktiv erscheint.
  • Ich vergleiche jeweils zwei (z.B. zuerst den ersten und letzten, dann den zweiten und vorletzten in der Reihe...) und lasse einen «siegen», entscheide also, welcher mir gerade wichtiger ist.

Das mache ich mit allen acht Wünschen so lange, bis einer übrig bleibt, und überlege dann, wie ich mir diesen Wunsch erfüllen kann.

Manchmal haben wir unsere Wünsche vergessen

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Werner May

Ich war 2010 auf dem Weg nach Neumünster in Schleswig-Holstein zu einem Seminar. Das Besondere an diesem Seminar war, dass es kein Trainingsseminar war, wie gewohnt, sondern ein Seelsorgeseminar, also mit der Aufgabe, dass durch meine Beiträge nicht vor allem Wissen und Können gefördert, sondern Veränderung und Heilung im Herzen der Zuhörer geschehen oder zumindest in Bewegung gebracht werden sollte.

Als mir bewusst wurde, dass ich das so noch nie in meinem über 25-jährigen Dienst gemacht hatte, wurde mir etwas mulmig, ob ich mit meiner Zusage im Willen Gottes lag. Doch dann fiel mir plötzlich ein, dass ein Seelsorgedienst ein uralter Herzenswunsch von mir war. In den ersten Jahren meines Glaubenslebens assistierte ich einem damals sehr bekannten Seelsorger bei dessen Seminar. Dabei wuchs der Wunsch, so etwas auch einmal tun zu können. Ich vermute, dass ich damals zu schüchtern war, um mich anzubieten, etwas beitragen zu können. Aber ich weiss, ein tiefer Herzenswunsch entstand, den ich dann über Jahre wieder vergessen hatte. Und nun schien er in Erfüllung zu gehen. Dieser Gedanke gab mir einen grossen Frieden, für dieses Seminar berufen zu sein. (Es ist dann aber doch bei diesem einmaligen Seelsorgeseminar geblieben.)

Nahe beim «Wünschen» liegt das «Wollen»

Hier möchte ich deutlich sagen, dass Berufungen nie ohne unser Wollen stattfinden, also irgendwie von alleine passieren. Im Gegenteil, unsere Willensentscheidung löst die Berufung aus, die bereit liegt. Das Phänomen Ruhen im Geist ist wahrscheinlich heute vielen fremd und ist auch nicht unumstritten (siehe dazu Werner May, Walter Sauter, Ruhen im Geist, Lüdenscheid 1990).

Um was geht es? Beim Gebet für eine Person treten drei Phänomene auf: Als eine sichtbare körperliche Reaktion fällt die betroffene Person um und liegt eine Zeit lang am Boden. Dabei verspürt sie eine tiefe innere Ruhe und eine klare Wachheit. Dies kann verbunden sein mit einer tiefen Gotteserfahrung oder einfach mit Entspannung.

Bei einem Seminar für Psychologen, Ärzte und Sozialarbeiter beteten wir für alle Teilnehmer um die Erfahrung des Ruhens im Geist. Bis auf eine Person machten alle diese Erfahrung. Beim nächsten Wochenende, vier Wochen später, befragten wir die Teilnehmer mit einem Fragebogen. Bis auf vier Personen berichteten alle, dass dieses Phänomen auch zuhause in den Gemeinden auftrat, wenn sie für andere beteten. Was unterschied nun diese vier Personen von den anderen? Der Fragebogen gab uns dazu eine klare Antwort: Sie hatten es gar nicht ausprobiert, sie hatten es nicht gewollt, sie hatten es sich nicht zugetraut.

Einen ersten Schritt gehen, dort wo man vermutet, dass es der Wille Gottes ist, stösst die Tür auf. Ich möchte das für jede Art von Beauftragungen behaupten. Für Berufungen brauchen wir Mut, den ersten Schritt zu gehen. Niemand kann uns davon überzeugen, auch nicht die dramatischste Berufungserfahrung, denn Gott achtet unsere freie Willensentscheidung. Herzenswünsche ziehen uns zum Wollen und dann zum ersten Schritt.

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«gehaltvoll»-Magazin

Weiterführende Fragen

  • Was erfüllt mein Herz mit tiefer Freude (Tätigkeiten, Orte, Menschen,...)?
  • Gibt es eine Liebe, eine Sehnsucht, die sich auf etwas richtet, das ausserhalb von mir liegt? Etwas, worüber ich mich selbst vergessen kann?
  • Wobei geht mein Herz am ehesten auf?

Dieser Artikel erschien zuerst in der neusten Ausgabe des «gehaltvoll»-Magazins zum Thema «Berufen, ja! Aber was bedeutet das?» von Werner May und Hennry Wirth.

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