Wenn Glaube sich verändert – Kennt Gott nur Schwarz-Weiss?

Wir Menschen sind schnell im (ver)urteilen. Aber wie ist das bei Gott? Gibt es bei ihm nur Schwarz und Weiss, oder das ganze Farbspektrum? Johannes Schwarz verurteilte andere schnell, bis er erkannte, dass alle Menschen Gottes Ebenbilder sind.
Unsplash / @László D.
Gott ist kein Gott des Schwarz-Weiss, sondern ein Gott der vielfältigen Schöpfung.

Christen glauben an Gottes Wort, haben sonntags in den Gottesdienst zu gehen, sollen viel beten und sind besonders fromm. Dann sind sie von Gott angenommen. Christliche Gemeinschaften, also Gemeinden, die dies so tun, sind richtig unterwegs. Das habe ich lange gedacht. Es ist wichtig, dass Christen die Bibel auf dieselbe Weise verstehen. Es ist wichtig, dass alles seine Ordnung hat. Denn Gott hat ein genaues Bild von dem, wie es laufen soll: Entweder schwarz oder weiss, ja oder nein, richtig oder falsch.

Ich kann gar nicht konkret sagen, weshalb ich zu diesem Denken kam. Es ist mehr ein diffuses, unausgesprochenes und doch klares Gesetz, welches sich in meinen Gedanken festgesetzt hatte: Gott akzeptiert nur «echte» Christen – die es genau richtig machen. Die anderen haben halt Pech gehabt.

Von Gott als falsch abgestempelt

Eigentlich interessant, dass ich das wirklich geglaubt habe, denn mein Elternhaus hat mich Herzensweite gelehrt. Doch in Gemeinden meiner Kindheit, im Miteinander der Christen kam immer wieder ein Gefühl auf: Wir machen es richtig, andere glauben eben falsch. Diese Gedanken habe ich nie so klar geäussert. Doch im Unterbewusstsein habe ich viele Christen, die ihre Frömmigkeit anders lebten als ich, verurteilt. Gott war ja auf meiner Seite. Die machen es falsch und verstehen es einfach nicht. Im Austausch mit meiner Familie, mit Freunden und meiner Frau habe ich mich manchmal herablassend geäussert. Immer mit dem scheinbaren Wissen: Gott steht auf meiner Seite.

Ich habe einen freikirchlichen Hintergrund, da galten andere Frömmigkeiten, etwa die der Landeskirchen, schlicht als falsch. Und Gott weiss das natürlich auch. Kirchentage waren etwas für Christen, die es nicht verstanden haben. Stattdessen gibt es viele andere Veranstaltungen zu Himmelfahrt und Pfingsten, die von richtigen Christen veranstaltet werden und die man stattdessen besuchen kann. Ich erinnere mich noch daran, dass ich ökumenische Veranstaltungen in meiner Kindheit und Jugend kritisch sah. Schwierig, etwas mit Christen zu machen, die Gott eher als falsch abstempelt, oder?

Begegnen und neu denken

Doch was ist passiert, dass ich nun anders denke? Ich denke, es sind zwei Dinge. Erstens: echter Austausch mit Christen anderer Frömmigkeiten, von charismatischen Bewegungen bis hin zu Landeskirchen. Und zweitens: Mein Gottesbild hat sich gewandelt.

Hier gab es keinen besonderen Moment oder eine wegweisende Begebenheit, sondern einen Weg, auf den ich mich – unbeabsichtigt – gemacht habe. In meinen Zwanzigern war und bin ich mit vielen Meinungen über Gott und die Welt konfrontiert worden. In meiner persönlichen Beziehung zum Schöpfer habe ich den dreieinen Gott neu entdecken dürfen. Gestaunt habe ich, als ich neu über die menschliche Ebenbildlichkeit mit Gott nachgedacht habe. Mir wurde bewusst, dass Gott alle Menschen unterschiedlich und doch göttlich geschaffen hat. Gott muss die Unterschiedlichkeit lieben! Dieser Gedanke brachte mich dazu, mein klares, hartes Gottesbild zu überdenken. Mittlerweile denke ich: Gott ist kein Gott des Schwarz-Weiss, sondern ein Gott der vielfältigen Schöpfung. Er liebt es, wenn ihn Menschen auf unterschiedliche Arten und Weisen loben und ihn einladen, in ihr Leben zu kommen. Ich denke, Gott ist es dabei nicht wichtig, ob wir dafür unsere Liturgie brauchen oder Fahnen zum Worship schwenken. Gott liebt alle Menschen und freut sich über alle, die an ihn glauben.

Gemeinsames Fundament

Sicher, Gott nennt Unrecht und Sünde beim Namen. In der Hinsicht sagt Gott, was richtig und falsch ist. Es geht nicht um die Auflösung von Gut und Böse, von Göttlichem und Teuflischem. Dieser Punkt ist mir wichtig. Es braucht eine gemeinsame Basis, ein Fundament aller Christen. Der Glaube an Jesus, an sein Wort, seine Liebe und sein Wirken in unserem Leben bilden den gemeinsamen Nenner unserer Gemeinschaft.

Gleichzeitig ist es aber falsch, die eigene Frömmigkeit als die einzig richtige vorauszusetzen. Ich wünsche mir Einheit unter Christen, aber ich musste lernen, dass das nicht Gleichförmigkeit bedeutet. Gott hat seine Menschen so unterschiedlich geschaffen – so vielgestaltig darf die Gemeinde Jesu sein. Ausgrenzende und verachtende Gedanken sind schädlich und so tut es mir leid, dass ich früher andere Glaubensgeschwister verurteilt habe. Klar, jeder darf seine Frömmigkeit leben und muss nicht eine andere annehmen. Aber wir müssen uns gegenseitig respektieren und verstehen, dass andere Christinnen und Christen genauso ernsthaft Gott nachfolgen. Diese Erkenntnis befreit meine Vorstellung von Gott und macht mich selbst frei, nicht bei festen Strukturen, die ich kannte, bleiben zu müssen.

Ökumene und die Vielstimmigkeit von Christinnen und Christen empfinde ich mittlerweile als riesiges Geschenk. So freue ich mich schon, wenn wir irgendwann mit so vielen unterschiedlichen Menschen im Himmel bei Gott sind und merken, wie grossartig die Vielfalt der Menschen ist. Für mich ist klar: Gott ist ein Gott seiner ganzen Schöpfung – nicht nur einer bestimmten Gruppe.

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