Ostern historisch – Ist Ostern nur ein «adoptiertes» heidnisches Fest?

Regelmässig zu den Feiertagen erscheinen Artikel, in denen erklärt wird, dass Ostern eigentlich kein christliches Fest wäre. Es seien Fruchtbarkeitsriten, die das Christentum quasi «adoptiert» und mit eigenem Inhalt aufgeladen hätte. Stimmt das?

Regelmässig zu den Feiertagen erscheinen online oder gedruckt Artikel, in denen erklärt wird, dass Ostern eigentlich gar kein christliches Fest wäre. Tatsächlich gäbe es die Brauchtümer schon viel länger. Es seien Fruchtbarkeitsriten, die das Christentum quasi «adoptiert» und mit eigenem Inhalt aufgeladen hätte. Selbst der Name Ostern leite sich von einer heidnischen Göttin ab… Was ist davon zu halten?

Natürlich sind weder der Begriff «Ostern» noch das ganze Drumherum vom Himmel gefallen. Die historisch geprägten Vorwürfe gehen allerdings noch einen deutlichen Schritt weiter: Wenn Bräuche und Begriffe aus dem Heidentum stammen, dann liegt es nahe zu denken, dass dasselbe für die Inhalte gilt. Dann geht es plötzlich gar nicht mehr um die reale Auferstehung des Christus, sondern um einen uralten heidnischen Fruchtbarkeitsmythos in neuem Gewand. Das allerdings geben weder historische noch sprachliche Forschungen wirklich her.

Ostara – die geheimnisvolle Göttin

Im 7. Jahrhundert lebte der Benediktiner und Geschichtsschreiber Beda Venerabilis («Beda der Ehrwürdige»). Er ist heute praktisch nur noch in Fachkreisen bekannt, doch von ihm stammt die Behauptung, der Begriff Ostern reiche auf die angelsächsische Lichtgöttin Eostra zurück. In den deutschen Sprachraum kam diese Idee durch die Gebrüder Grimm. In ihrem Deutschen Wörterbuch zitierten sie Beda mit dem Vorbehalt, er könne die Frühlingsgöttin, die sie als Ostara beschrieben, erfunden haben. Tatsächlich gibt es keinerlei weitere Hinweise darauf, dass es diese Göttin oder einen entsprechenden Kult gegeben hat. Weil sie ins Zeitgefühl passte, erfuhr sie in der Romantik trotzdem eine weite Verbreitung und ist bis heute kaum aus den entsprechenden «wissenschaftlichen» Artikeln über Ostern herauszubekommen.

Nebenbei: Die Verknüpfung des Osterbegriffs mit der angeblichen Göttin Ostara (oder gar der antiken Astarte) funktioniert praktisch nur im deutsch- oder englischsprachigen Raum. Fast alle anderen Sprachen leiten ihre Bezeichnung für Ostern vom hebräischen «Passah» ab. Hier ist dann gar keine sprachliche Nähe mehr vorhanden.

Stichwort Kontextualisierung

Wie aber ist es mit den Brauchtümern rund ums Osterfest: vom Osterfeuer bis hin zu den Ostereiern? Oder mit seinen Inhalten wie Auferstehung und Neuanfang, gerade im Frühling?

Termin und Symbolik sowohl des Passah- als auch des Osterfestes luden schon immer zu einem ganzheitlicheren Festbegriff ein. An Ostern steht für Christen die Auferstehung des Christus im Mittelpunkt. Gleichzeitig erleben die Menschen gerade in unseren Breitengraden das Ende des Winters und ein Aufbrechen des (neuen) Lebens. Dieses Erleben wird gern und oft mit dem lebenspendenden Grundgedanken von Ostern zusammengesehen. Und all dies fand schon immer Ausdruck in Symbolen: Eier, Blüten, Lichter und vieles mehr. Man könnte dies wirklich als Anleihen im Heidentum sehen, genauso kann man aber auch behaupten, dass einige überzeitliche und religionsübergreifende Symbole sehr gut zum christlichen Glauben passten – vielleicht sogar besser als zu manchen vorchristlichen Religionen. Sie erfuhren eine neue Deutung und leben mit dieser als christliche Bräuche und Symbole weiter.

Ist das heidnisch? Nein, so funktioniert jeder Lern- und Lehrprozess. Etwas Neues ist für uns Menschen dann verständlich, wenn es mit Altem und Bekanntem verknüpft wird. Wenn es kontextualisiert wird. Das ist zu allen Zeiten geschehen. Ein biblisches und ein geschichtliches Beispiel mögen dies verdeutlichen. Im Alten Testament baute König Salomo für Gott einen Tempel. Also ein steinernes Haus zur Anbetung. Genau dasselbe, was all die heidnischen Völker um Israel herum auch hatten. Und dieser Tempel folgte sogar dem normalen Aufbau solcher Sakralbauten. Nachgemacht? Ja und nein. Ja, weil Gott so an die Sehgewohnheiten und Erwartungen der Israeliten anknüpfen konnte. Nein, weil er diese Erwartungen im gleichen Moment weiterführte, indem Salomo unterstrich: «Doch wirst du, Gott, wirklich auf der Erde wohnen? Ist nicht sogar der weite Himmel noch zu klein, um dich zu fassen, geschweige denn dieses Haus, das ich gebaut habe?» (1. Könige, Kapitel 8, Vers 27).

Im Zuge der Reformation suchte Martin Luther nach Wegen, die Bevölkerung einprägsam zu unterrichten. Und der Reformator entdeckte das Kirchenlied als eine hervorragende Möglichkeit dazu. So schrieb er zahllose Liedtexte und unterlegte sie mit Melodien, die auf der Strasse und in der Kneipe gesungen wurden. Nachgemacht? Ja und nein. Ja, weil es tatsächlich dieselben Melodien waren, die alle aus dem Wirtshaus kannten. Nein, weil der neue Text und die neue Umgebung (Gottesdienst) dem Ganzen eine völlig neue Prägung gab.

Jede neue Aussage braucht starke Symbole und bekannte Bilder. Auch Ostern.

Ostern ist einmalig!

Trotzdem ist Ostern nicht das, was «Die Prinzen» einmal als «Alles nur geklaut» besangen. Im Kern ist es völlig einzigartig. Praktisch keine Religion der Welt kennt eine echte Weiterentwicklung. Gerade die alten oder asiatischen Religionen denken in Geschichtskreisen: Alles wiederholt sich, Geboren werden und Sterben, Wachsen und Schrumpfen, Anfangen und Aufhören. Und mitten in diese natürlichen und religiösen Kreisläufe bricht Jesus Christus ein. Bei ihm stirbt nicht der Mensch, sondern der Tod kommt ums Leben. Er, der tot war, lebt wieder und wird nie mehr sterben. Und dieses Leben bietet er jedem Menschen an. Kein Wunder, dass Christen bis heute versuchen, diese Botschaft verständlich zu machen, zu kontextualisieren. Und dass sie die stärkstmöglichen Bilder und Symbole verwenden, die ihnen zur Verfügung stehen.

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