So ein Tag! – Der Esel auf der Fanmeile

Es war der Tag seines Lebens. Die Leute mochten ihn, alle jubelten ihm zu. Hätte er geahnt, wen er da auf seinem Rücken trug, wäre er noch stolzer gewesen.
Unsplash / Florian GIORGIO
Wenn der Esel nur gewusst hätte, wie wertvoll seine Last war...

Jeder braucht einmal im Leben seine Viertelstunde im Scheinwerferlicht, Esel nicht ausgenommen. Gemessenen Schrittes und erhobenen Hauptes ging er durch die Menschenmasse, die ihm zujubelte und sogar Kleider vor ihm auf den Boden legte.

Na ja, man kann es ihm nicht verdenken. Aber natürlich ging es den Leuten, die da auf der Strasse vor ihm her tanzten, nicht um den Esel. Der, der auf ihm ritt, war das Ziel ihrer Verehrung. Jesus zog in der Hauptstadt ein, und seine Fans nutzten dieses Ereignis zu einer spontanen Kundgebung. Hatte das nicht symbolische Bedeutung? Jetzt würde alles anders werden! Hatte er nicht vor kurzem sogar einen Toten auferweckt, Lazarus aus Bethanien? Grosse Hoffnungen taten sich auf an diesem Tag, den wir bis heute als «Palmsonntag» feiern. Würde es jetzt endlich Frieden und Brot für alle geben? Die Fans von Jesus hielten ihre Zeit endlich für gekommen (nachzulesen im Matthäus-Evangelium, Kapitel 21, Vers 1-11).

Kreuz-Zug auf dem Esel

Jeder Volksführer hätte die Gelegenheit ganz anders genutzt. Er hätte sich ein Schlachtross besorgt und einen triumphalen Einzug in die Haupstadt inszeniert. Aber Jesus hatte sich von jeher geweigert, sich ein Imperium mit den Methoden dieser Welt aufzubauen. Immer, wenn sie ihn zum König machen wollten, hatte er sich zurückgezogen. Mit dem Esel, einem Alltagstier, zieht man nicht in den Krieg. Jesus macht deutlich: Ich komme nicht mit Gewalt zu euch. Meine Macht ist die Sanftmut.

Mit Jesus kann man keine religiösen Eroberungskriege führen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt – und gerade darum unüberwindbar.

So kommt Gott zu uns

Auch in unser Leben drängt sich Gott nicht mit Macht oder Gewalt hinein. Er will uns nicht unterdrücken, sondern unser Herz gewinnen. Er kommt mit heruntergelassenem Visier, ohne heimliche Agenda und ohne Druck. Er drängt sich nicht auf – aber wenn wir ihn empfangen, können wir nur gewinnen. Jesus hat wahrscheinlich schon öfter in Ihrem Leben «an die Tür geklopft». Jetzt, in der Passionszeit, wäre es die beste Gelegenheit, ihn endlich einzulassen.

Der Anfang vom letzten Akt

Jesus weiss genau, dass die Begeisterung, die ihm hier bei seinem Einzug in Jerusalem entgegenschlägt, nur oberflächlich und von kurzer Dauer ist. Er weiss, dass ihm viele aus fragwürdigen Motiven entgegenjubeln. Und trotzdem zieht er in die Hauptstadt ein. Er ist kein Opfer der Umstände, sondern der bewusst Handelnde. Jesus treibt die Konfrontation mit den weltlichen und religiösen Mächten aktiv auf den Höhepunkt – denn in einer Woche wird es nicht «Halleluja», sondern «Kreuzige ihn» in den Gassen von Jerusalem tönen. Jesus will das so. Er wird die Schuld bezahlen, indem er sich selbst als Lösegeld gibt. Er wird den Tod besiegen, indem er sich selbst töten lässt. Das wird wie das Ende aussehen, aber in Wirklichkeit der Anfang von etwas ganz Neuem sein.

Das alles wusste der Esel auf der Fanmeile nicht. Er trug den auf seinem Rücken, der die ganze Welt erlösen würde. Jesus brauchte ihn, den Esel. Gestatten Sie den gewagten Vergleich: Wenn Jesus Sie «be-sitzen» darf, wird er mit Ihnen zusammen ein Stück die Welt erlösen.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Neuauflage. Er erschien bereits am 05.04.2020 bei Jesus.ch.

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