Entscheidungsarbeit – Die Qual der Wahl

Wie gehen wir mit der Flut von Möglichkeiten und Angeboten um? Der Philosoph und Autor Rolf Dobelli rät, klare Prioritäten zu setzen.
zVg.
Ein Mann sucht eine Zeitung unter einer riesigen Auswahl.

So viele Freiheiten und Wahlmöglichkeiten wie heute hatte der Mensch noch nie. Wir können im Supermarkt auswählen aus fünfzig verschiedenen Käsesorten, 24 Stunden lang auf über hundert Sendern fernsehen, in Netzwerken nach Tausenden von potentiellen Partnern surfen, uns nahezu unendlich verschiedene Lebensentwürfe vorstellen oder im Internet Millionen Informationen auswerten. Ist das Fluch oder Segen, Fortschritt oder Überforderung?

Eigentlich sollten uns Auswahl, viele Möglichkeiten, Freiheiten und individuelle Gestaltungsvarianten glücklich machen. Doch Studien zeigen, dass wir Menschen mit zu viel Auswahl nur schwer umgehen können. Rolf Dobelli geht in seinen Büchern darauf ein, unter Stichworten wie: Auswahl-Paradox, Entscheidungs-Ermüdung, Information Bias, Unfähigkeit, Türen zu schliessen, oder News-Illusion. Einige Aspekte:

Entscheiden kostet Kraft

Mit zu viel Entscheidungsarbeit sind wir schlichtweg überfordert, sie kostet uns (Willens-)Kraft, die uns an anderer Stelle fehlt. Entscheiden ist anstrengend. Nach allem Abwägen und Auswählen ist man erschöpft und erst nach einer Pause bringen wir wieder genug Energie für neue Entschlüsse auf. An welcher Stelle sollten also die wichtigen Entscheidungs-Themen einer Bezirksratssitzung diskutiert werden?

Zu viel Auswahl macht zudem unzufrieden. Man ist nie sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben. Wer schon mal Menschen dabei begleitet hat, wenn sie ein Haus gebaut, im Internet einen Partner gesucht oder eine vierwöchige Individualreise durch Amerika im Reisebüro zusammengestellt haben, hat eine Vorstellung davon. Wir halten heutzutage nur das Beste für gut genug; Zeit betrachten wir als unser wertvollstes Gut. Unter diesem Druck akzeptieren wir nur perfekte Entscheidungen. Doch wir haben zu lernen: Gut allein ist perfekt genug; das gilt auch für Mitmenschen und Gemeinden.

Lieber gar nicht entscheiden?

Zu grosse Auswahl führt zu innerer Lähmung. Wenn wir uns nicht entscheiden können, entscheiden wir lieber gar nicht. Das Problem verschärft sich, wenn wir uns alle Möglichkeiten offen halten wollen. Wir tun uns schwer damit, eine mögliche Option zu verlieren, eine Türe bewusst zu schliessen. Wenn wir uns für keine Möglichkeit entscheiden, verlieren wir zwar die eine Möglichkeit, erhalten uns aber alle scheinbaren Freiheiten. Zu guter Letzt stehen wir aber mit leeren Händen da. Tun sich darum heute viele so schwer damit, zu heiraten oder verbindlich einer Gemeinde beizutreten?

Oft denken wir auch, wir müssten erst alle Informationen sammeln, bevor wir uns entscheiden. In der heutigen Flut sind Informationen allerdings nicht nur ein Segen. Ein Sprichwort besagt: «Hast du einen Feind, gib ihm Informationen.» In der Vielfalt der Medien verliert man sich schnell in Informationen, doch das meiste dient mehr unserer Ablenkung und Zerstreuung als dem zielgerichteten Aufbau von Wissen und Weisheit, welcher klügeren Entscheidungen dient.

Im Gegenteil: Zu viele Infos, zu viel Auswahl führen zu schlechteren Entscheidungen, weil unser Gehirn überfordert ist. Wir neigen im Auswahlstress dazu, letztlich alles auf das lauteste, plakativste, naheliegendste Kriterium zu reduzieren und den Rest auszublenden. Insofern ist die Stille vor Gott, durch die wir zur Ruhe kommen, oft ein weiser Begleiter vor Entscheidungen.

Zur Person:

Rolf Dobelli studierte und promovierte in Philosophie und Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. Besonders bekannt sind seine beiden Bücher «Die Kunst des klaren Denkens» und «Die Kunst des klugen Handelns». Seine Schlussfolgerungen dienen hier als Denkanstoss für den Alltag als Christ.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Neuauflage. Er erschien bereits am 22.04.2017 bei Livenet.

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