«Jazz und Spiritualität» – Die Dreifaltigkeit Feuer, Wahrheit und Gebet

Musikliebhaber wird der Titel schon mal neugierig machen, gleichzeitig fragt sich der Durchschnitts-Konsument, ob das Buch nicht nur für absolute Jazz-Kenner ist. Das 167-seitenstarke Werk hat durchaus Wissen und Zusammenhänge für jedermann.
Fontis / Uwesteinmetz.ch
Das neue Buch von Uwe Steinmetz «Jazz und Spiritualität»

Die Widmung lautet: Für die Hörenden, Spielenden, Betenden. Der Autor Uwe Steinmetz ist Musikwissenschaftler, Dozent, Komponist und wird als brillanter Saxophonist bezeichnet. Er stellt gegen Ende des Buches fest: «…eine höhere gesellschaftliche Wahrnehmung und Wertschätzung der spirituellen Qualitäten des Jazz in der deutschen Kulturlandschaft sind wünschenswert… Denn in den künftigen Jahrzehnten werden alle Künste stärker auf die Krisen unserer Gegenwart visionär und lebensbejahend eingehen müssen…»

Zusammenspiel von Musik und Seele

Das weisse Buchcover ist simpel, ja nüchtern aufgemacht. Umso stärker begegnen einem die Anfangsgedanken über Feuer, Spiritualität oder Ehrlichkeit. Uwe Steinmetz überlässt das Vorwort Tord Gustavsen: «Wenn wir spielen, dienen, suchen und feiern… – wir beten. Wenn dies alles in unserer Musik gelingt, sind wir auf dem Höhepunkt dessen angelangt, was uns als Menschen ausmacht; wir bringen fruchtbare Energie und Liebe… Auf diese Weise ermöglichen die persönlichen und musikalischen Begegnungen zugleich die Entfaltung der Trinität im Gebet und im schöpferischen Feuer des Lebens.» Und es wird schnell klar: Geistliches ist viel mehr als eine liturgisch klare Abhandlung.

Nicht nur für Jazzer und Gebrauch von QR-Codes

Hier kann Entwarnung gegeben werden, dass sich die Lektüre nicht nur für Jazzkenner eignet. Jedoch ein überdurchschnittliches Interesse für Musik hilft dabei, da einige allgemeine Erfahrungen und Zusammenhänge im Sound-Kosmos beschrieben werden. Dazu läuft praktisch permanent die Dimension des Geistlichen mit.

Eine postmoderne Errungenschaft sind die QR-Codes, die direkt zu Hörbeispielen oder Musikvideos führen. Das ist enorm praktisch und erfrischend. So ist gleichzeitig der Zugang zu Liedern oder Beispielen gewährleistet – und dass sich das Buch nicht nur in der Theorie bewegt.

Geschichtliche Perlen und mässig willkommen

Die historischen Anfänge und Verläufe sind interessant und werden durch Persönlichkeiten, die beispielsweise Jazz-Impulse in die Kirchen reingaben, konkret. So hatte anfangs der Bluesmusiker Thomas A. Dorsey eine Art neue afroamerikanische Kirchenmusik etabliert und Bluessängerinnen in die Gottesdienste eingeschleust, wie damals Mahalia Jackson. Er wirkte als wichtiger Brückenbauer. Für die Baptistenkirche hatte er auch neue Lieder komponiert, nachdem er ein persönliches Erweckungs-Erlebnis hatte.

Gleichzeitig war von Beginn weg Widerstand erlebbar, wie das so oft der Fall ist, wenn Neues am Horizont auftaucht – nicht nur in christlichen Kreisen. Beschimpfungen bis hin zum Begriff «Teufelsmusik» waren zu vernehmen.

Tränen im SS-Lager

Trotzdem bahnte sich der Jazz seinen Weg. Ebenso wurde er in Europa populär und zur Zeit, als die Nazis an der Macht waren, auch in diesem Umfeld gern gehört.

So rettete der Swing-Legende Coco Schumann seine Jazzgitarre das Leben. 1944 spielte er in Auschwitz Lieder wie «Bei mir bist du schön» und konnte mit der Kraft der Musik stahlharte SS-Männer «wie Babys zum Weinen bringen». Ebenfalls mit jüdisch-deutschem Hintergrund wurden die legendären «Blue Note Records» von Alfred Lion in New York gegründet.

Geistliche Jazz-Legenden: Ellington &Co.

Eine Offenbarung des Buches ist, dass die geistliche Dimension der Musik von einigen grossen Namen sehr wichtig war. Louis Armstrong, Duke Ellington, aber auch ein Albert Ayler, der aus einer tiefgläubigen Familie stammte. John Coltrane wird durchs ganze Buch hinweg als starke musikalische, geistlich nicht so fassbare Referenz beigezogen.

Schliessen wir mit einem der zahlreichen Zitate, auch die Musiksprache meinend: «Jeder betet in seiner eigenen Sprache, und da gibt’s keine Sprache, die Gott nicht versteht.» Duke Ellington, Sacred Concert 1965

Schluss-Kommentar

Das handliche Buch plädiert dafür, dass man Jazz vor allem «live» erleben muss, nicht in irgend einer Blase oder via Kopfhörer im Zug. Da entfaltet sich auch die geistliche Dimension – überhaupt der Musik; oder am ehesten noch in einer «ganz stillen Umgebung». Ebenso erweitert es den Horizont fürs Musik-Empfinden, aber auch für das geistliche Erleben von Kunst.

Zeilenweise ist es etwas zu viel Theorie und Fremdwörter für den Laien, ähnlich wie das in der Theologie sein kann. Wenn man diese Passagen überwunden hat, ist es für Musikliebhaber mit geistlichem Flair durchaus interessant. Vielleicht ein Weihnachtsgeschenk für einen Jazz-Freund?

Hörbeispiel von Louis Armstrong mit Mahalia Jackson:
Mahalia Jackson "Just a Closer Walk with Thee"

Zum Buch:
«Jazz und Spiritualität»

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