Jesus missverstanden – «Arme wird es immer geben!»

Manche Bibelverse machen eine Entwicklungsgeschichte durch. Erst werden sie fettgedruckt und als wichtig betont, dann einzeln und ohne Zusammenhang betrachtet, und plötzlich scheinen sie etwas zu bedeuten, das gar nicht bezweckt war.
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Den Armen helfen

Manche Bibelverse machen eine Entwicklungsgeschichte durch. Erst werden sie fettgedruckt und als wichtig betont, dann einzeln und ohne Zusammenhang betrachtet, und plötzlich scheinen sie etwas zu bedeuten, das ihre Sprecherin oder ihr Sprecher nie sagen wollte. Zum Beispiel die bekannte Aussage über Armut.

Auf dem Weg zu ihrem Café laufen Eveline und Klara durch die Fussgängerzone und kommen an einem Obdachlosen vorbei, der ihnen den Hut hinhält. Eveline zückt ihr Portmonee und gibt ihm ein paar Münzen. Während sie weitergehen, nimmt sie Klaras gerunzelte Stirn wahr. «Denkst du, er wird das Geld in Alkohol umsetzen?», fragt sie ihre Freundin direkt. «Mag sein», antwortet Klara. «Aber da ist noch mehr. Ich habe aufgehört, Armen etwas zu geben. Wir ändern nichts damit. Und es hat keine biblische Verheissung. Jesus selbst sagt doch schon: 'Die Armen habt ihr allezeit bei euch.'»

Armut und Vorurteil

Tatsächlich stammt diese Aussage von Jesus. «Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit», sagte er laut Johannesevangelium Kapitel 12, Vers 8. Doch obwohl dieser Vers auszusagen scheint, dass sich der Kampf nicht lohnt, weil die Schlacht bereits verloren ist, meinte Jesus damit das genaue Gegenteil.

Wenn wir heute anfangen: «Glück und Glas…», dann setzen die meisten beim Zuhören unwillkürlich fort: «…wie leicht bricht das.» Die Redewendung ist bekannt und viele wissen, wie sie weitergeht. Was Jesus hier zitiert, ist solch eine Redewendung, die die Menschen um ihn herum automatisch vervollständigten, weil sie grosse Teile der Hebräischen Bibel auswendig kannten – auch 5. Mose Kapitel 15, Verse 7–11: «Wenn aber ein Armer bei dir ist, irgendeiner deiner Brüder in einem deiner Tore in deinem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt, so sollst du dein Herz nicht verhärten, noch deine Hand vor deinem armen Bruder verschliessen; sondern du sollst ihm deine Hand weit auftun und ihm reichlich leihen, so viel er nötig hat. […] Denn der Arme wird nicht aus dem Land verschwinden; darum gebiete ich dir: Tue deine Hand weit auf für deinen Bruder, für den Elenden und den Armen bei dir in deinem Land!»

Mit dieser Vervollständigung wird klar, dass Jesus keinen Rückzug von der immerwährenden Notsituation der Armen predigte, sondern im Gegenteil von einem permanenten Einsatz dagegen sprach.

Armut und eigener Vorteil

Dazu kommt im Neuen Testament noch ein pikanter Aspekt. Jesus weist mit dem oben zitierten Satz Judas zurecht. Kurz vorher kam Maria, die Schwester von Lazarus, zu ihm und goss teures Salböl über seine Füsse. Judas' Reaktion scheint folgerichtig: «Warum hat man dieses Salböl nicht für 300 Denare verkauft und es den Armen gegeben?» (Johannes Kapitel 12, Vers 5). 300 Denare – das war ein kleines Vermögen. Doch der scheinbar fürsorgliche Judas dachte dabei nicht an die Armen. Johannes stellt klar: «Das sagte er aber nicht, weil er sich um die Armen kümmerte, sondern weil er ein Dieb war und den Beutel hatte und trug, was eingelegt wurde» (Vers 6).

Wenn wir uns heute von der Not anderer Menschen abwenden, dann tun wir nichts anderes als Judas: Wir berauben sie. Das bedeutet nicht, dass wir eine Münze in jeden Hut werfen müssen. Es heisst allerdings, dass wir unsere Augen vor der – bleibenden – Not der Welt nicht verschliessen können.

Armut und Auftrag

Dieser Fokus auf Arme und Bedürftige war Jesus bereits in die Wiege gelegt worden. In ihrem Lobgesang sagt seine Mutter Maria noch vor seiner Geburt prophetisch über ihn: «Hungrige sättigt er mit Gütern, und Reiche schickt er leer fort» (Lukas Kapitel 1, Vers 53). Und nein: Das ist nicht nur «geistlich» zu verstehen!

Die Jünger von Jesus, die ersten Gemeinden und Christen bis heute tun sich nicht leicht mit diesem Auftrag. Ab und zu setzten sie ihn ganz wörtlich um und erlebten: «Es litt auch niemand unter ihnen Mangel» (Apostelgeschichte Kapitel 4, Vers 34). Manchmal gehörten Betrug oder auch eigene Not zu den Folgen, weil Geben ein breites Lernfeld ist, das nicht automatisch funktioniert. Aber die Hauptfolge war in der Apostelgeschichte, dass «immer mehr … hinzugetan [wurden], die an den Herrn glaubten» (Kapitel 5, Vers 14). Tatsächlich gehört Grosszügigkeit bis heute zu den überzeugendsten Zeichen und Wundern, die anderen Menschen deutlich machen: Dieser Glaube an Gott ist echt – und attraktiv.

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