Bekehrt oder entschieden – Wie fängt eigentlich ein Leben im Glauben an?

«Bekehrung» ist einer der zentralen christlichen Begriffe. Doch während die einen gern dazu aufrufen, ist das Ganze anderen eher peinlich, weil sich das Konzept dahinter scheinbar überlebt hat. Tatsächlich ist an beiden Sichtweisen etwas dran.
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Mann liest in der Bibel

«Bekehrung» ist einer der zentralen christlichen Begriffe. Doch während die einen gern dazu aufrufen, ist das Ganze anderen eher peinlich, weil sich das Konzept dahinter scheinbar überlebt hat. Tatsächlich ist an beiden Sichtweisen etwas dran.

«Mein Leben ging fürchterlich in die falsche Richtung. Alkohol, Drogen und Gewalt haben es bestimmt. Doch dann habe ich Gott kennengelernt. Ich hab gemerkt, dass er mich liebt – und ich habe mich bekehrt. Seitdem lebe ich als Christ.» So oder ähnlich klingen Lebensrückblicke mancher Menschen, die damit beschreiben, wie sie sich Gott zugewandt haben. Doch wie essenziell ist die darin beschriebene Bekehrung? Was sind ihre biblischen oder auch geschichtlichen Grundlagen? Das «Magazin für Psychotherapie und Seelsorge» wählte dies für die Ausgabe 3/21 als Leitthema. Der folgende Text ist davon inspiriert.

Was ist eigentlich Bekehrung?

«Tut Busse, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!» Das war die Botschaft von Johannes dem Täufer (Matthäus Kapitel 3, Vers 2) und Jesus (Matthäus Kapitel 4, Vers 17). Ähnlich klingen die Umkehrrufe der Propheten im Alten Testament. Henning Wrogemann, Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie, beobachtet, dass «Bekehrung» gar nicht so altbacken ist, wie sie für manche klingt. Spätestens seitdem zahlreiche Geflüchtete im Westen an Kirchentüren klopfen und sagen: «Ich habe mich bekehrt. Ich möchte mich taufen lassen.» Auch wenn der Begriff durchaus unterschiedlich gefüllt wird, gehören einige Aspekte laut Wrogemann immer dazu: «Es geht erstens um ein relativ plötzliches Ereignis religiös-weltanschaulicher Neuorientierung, das zweitens ein starkes inneres Erleben ('Bekehrungserlebnis') beinhaltet sowie drittens einen radikalen Wandel bedeutet, der sich viertens in einem sozialen Bruch, nämlich der Abwendung von einer bisherigen und der Zuwendung zu einer neuen sozialen Gruppe (der neuen religiösen Gemeinschaft) ausdrückt sowie fünftens eine intensive Praktizierung der neuen religiösen Orientierung bedeutet.»

Bekehrung im Lauf der Zeit

Tatsächlich sah diese intensive Umkehr zu Gott im Laufe der Zeit unterschiedlich aus. Thorsten Dietz, Professor für Systematische Theologie, zeigt das in seinem Artikel mit einem Gang durch die Kirchengeschichte. Die Apostelgeschichte und Paulus (1. Thessalonicher Kapitel 1, Vers 9) beschreiben noch, «wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen». Auch Kirchenväter wie Augustin betonen den Bruch mit ihrem vorher gelebten Heidentum. Doch im Laufe der Zeit betrifft Bekehrung eher Volksgruppen als Einzelne, wird sie zur Busse von bereits christlich geprägten Menschen. «So etwas wie eine moderne Bekehrung kennt Luther nicht», konstatiert Dietz. Was für den Reformator eine ständige Lebensumkehr war, wurde erst im Pietismus zum prägenden Lebenseinschnitt. Dazu kommen unterschiedliche Einstellungen, wie stark man sich selbst «entscheidet» oder ob man eher «erwählt» ist, wie viel «Busskampf» oder «Sündenerkenntnis» nötig sind. Eine aktuelle Form der Bekehrung beschreibt Dietz mit den bekannten «Vier geistlichen Gesetzen» von Bill Bright, für ihn «ein Versuch maximaler Vereinfachung».

Die Frage nach Bekehrung ist zu einfach

Ist Bekehrung also biblisch? Natürlich. Unterliegt sie Veränderungen und ist von der jeweiligen Zeit geprägt? Selbstverständlich. Schon zu biblischen Zeiten gibt es unterschiedliche Bilder, die den Glauben bzw. den Anfang eines Weges mit Gott beschreiben: Wiedergeburt, Erleuchtung, Nachfolge usw. «Ich habe mich bekehrt» war also schon immer nur eine Facette dieser Beziehung zu Gott.

Wenn Christen einladend zu ihrem Glauben einladen, dann ist das auch heute keineswegs altbacken oder rückwärtsgewandt. Sicher kann man über die Formen nachdenken, doch wie sollen Menschen einen Zugang zum Glauben bekommen, wenn er ihnen nicht vorgestellt und sie nicht eingeladen werden, ihn zu leben? Gleichzeitig greift die Frage «Bekehrung – ja oder nein?» zu kurz. Denn auch wenn Vorbilder im Glauben wichtig sind und – siehe Bill Bright – einfache Konzepte jeden sprachfähig machen können, besteht dabei die Gefahr, die eigene Glaubenserfahrung zum Massstab für andere zu machen. Da eine Norm einzufordern, wo Bibel und Kirchengeschichte verschiedenste Wege zur Gottesbegegnung und zum Leben kennen. Thorsten Dietz fasst die reale Erfahrung einer Bekehrung in die herausfordernden Sätze von Dietrich Bonhoeffer: «Gott hat mich ein für allemal zu sich bekehrt, nicht ich habe mich ein für allemal zu Gott bekehrt. Gott hat den Anfang gesetzt, das ist die freudige Gewissheit des Glaubens. Darum soll ich nicht neben den einen Anfang Gottes noch zahllose eigene Anfänge zu setzen versuchen. Gerade davon bin ich befreit, der Anfang liegt ein für allemal hinter mir, Gottes Anfang nämlich.»

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