Doktorarbeit – Wie Atheisten zum Glauben finden

Immer wieder berichtet Livenet von Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus finden. Manche Wege dabei ähneln sich. «Das ist kein Zufall», weiss Jana Harmon, die ihre Doktorarbeit dazu schrieb, warum gebildete Atheisten sich dem Glauben zuwenden.
Youtube / C. S. Lewis Institute
Theologin und Philosophin Jana S. Harmon

Da ist zum Beispiel Stu Fuhlendorf, der viele Jahre lang den amerikanischen Traum des Selfmade-Millionärs lebte, ausschliesslich auf sich selbst baute, schwer alkoholkrank wurde und irgendwann gestand: «Herr, ich kann nicht glauben, was für ein Rebell ich gewesen bin.» Er kam zum Glauben (Livenet berichtete).

Obwohl so etwas immer wieder geschieht und in christlichen Gemeinden und Medien auch gern verbreitet wird, gab es praktisch keine wissenschaftliche Untersuchung dazu, warum Menschen ihre religiöse Überzeugung ändern, sich «bekehren». So interviewte und erforschte die Theologin und Philosophin Jana S. Harmon ehemalige Atheisten und schrieb 2019 ihre Doktorarbeit darüber.

Die verständliche Version

So interessant das Thema sein mag, die Wenigsten werden die gut 500-seitige Studie deswegen durcharbeiten. Um das Thema einem breiteren Publikum vorzustellen, ging Harmon deshalb zwei Wege: Zum einen blieb sie mit ihren Interviewpartnerinnen und -partnern im Gespräch und unterhält sich mit ihnen in ihrem Podcast «Side B». Ausserdem veröffentlichte sie das allgemeinverständlich gehaltene Buch «Atheists finding God» (Atheisten, die Gott finden).

Warum bleiben Atheisten Atheisten?

Die Hälfte von Harmons Befragten wuchs bereits atheistisch geprägt auf, die andere Hälfte erfuhr eine mehr oder weniger religiöse Erziehung. Sie fand zahlreiche Gründe dafür, warum diese Menschen sich als Atheisten verstanden. Wer nur wenig Kontakt zu Gläubigen hatte, neigte zu einer distanzierten Wahrnehmung, zu einer Reduzierung des Glaubens auf Klischees. Wer Christen kannte, erlebte sie oft als ungebildet, intolerant und heuchlerisch. Ihr Glaube wurde als unattraktiv empfunden.

Dabei wussten die meisten ehemaligen Atheisten eher, wogegen sie waren, als was ihren Atheismus ausmachte und was sie selbst befürworteten. Viele von ihnen waren durch schwierige Lebensumstände zu der Überzeugung gekommen, dass es keinen guten, gegenwärtigen oder gar allmächtigen Gott geben konnte. Andere hatten verständliche Einwände gegen den Glauben, gegen die Bibel, gegen die vermeintliche Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben, gegen «schlechte» Religion und religiöse Menschen und gegen verschiedene christliche Moralvorstellungen – der am häufigsten genannte Grund für den Unglauben waren fehlende Beweise für Gottes Existenz

Was führt dazu, dass Atheisten zum Glauben kommen?

Niemand, der eine Überzeugung gewonnen hat, möchte sie unbedingt wieder loswerden. Zweidrittel der Befragten erklärten Harmon, dass sie nicht auf der Suche nach Gott waren. Was überwand ihren Widerstand? Welcher Auslöser, welche Unzufriedenheit veranlasste sie, ihren Atheismus infrage zu stellen? In einem Interview mit Christopher Reese bei Christianity Today erklärte Harmon: «Wir alle wollen einen Sinn in der Welt finden und mit unserem Leben zufrieden sein. Unzufriedenheit kann dazu führen, dass wir nach mehr suchen, als unsere Weltanschauung zu bieten hat. Dann können störende Sehnsüchte wachsen…»

Gibt es Gemeinsamkeiten auf dem Weg zum Glauben?

Das Standardmodell für eine Entscheidung für den Glauben sieht meist so aus:

  • Eine Person erlebt Kampf oder unbequeme Situationen.
  • Im derzeitigen Umfeld findet sie keine Lösungen dafür, deshalb wird sie offen für Alternativen.
  • Die Person begegnet christlich geprägten Personen.
  • Die Person beginnt, an christlichen Veranstaltungen oder Ritualen teilzunehmen.
  • Die Person erklärt sich als «christlich» bzw. «religiös» – sie hat sich bekehrt.

So unterschiedlich die Biografien der 50 Befragten waren, stellte Harmon beim Vergleichen ihres Weges zu einer christlichen Überzeugung ähnliche Phasen fest, die in den meisten Fällen vorkamen: Anlass, Suche und neues Zusammenfügen. In der ersten Phase werden Atheisten mit Herausforderungen oder Sehnsüchten konfrontiert, begegnen dabei allerdings bereits Christen, die ihr negatives Bild vom Glauben erschüttern. So machen sie sich in der zweiten Phase auf die Suche, wobei sie die Suche nach einer tragfähigen Wahrheit über ihre bisherigen Erfahrungen stellen. Sie werden bereit zur Veränderung. Weil die Suchenden oft schon vor einer endgültigen Hinwendung zu Gott starke Erfahrungen mit ihm machen, sind sie schliesslich bereit für eine umfassende Veränderung, wie sie in der Bibel als «Wiedergeburt» oder «Bekehrung» beschrieben wird. Die unterschiedlichen und gleichzeitig ähnlichen Wege macht Harmon deutlich, indem sie viele ihrer Probanden zu Wort kommen lässt.

Überraschend ist, dass nichts überraschend ist

Diese Ergebnisse sind kein «Bauchgefühl», sondern wissenschaftlich valide. Tatsächlich unterstreichen sie, dass sich viele Menschen nach Krisen oder unsicheren Phasen in ihrem Leben für den Glauben öffnen. Dabei wollen sie nicht über einen Kamm geschoren, sondern als Individuen wahrgenommen werden. Und sie sind auf der Suche nach glaubwürdigen Christinnen und Christen, die mit ihrem Leben unterstreichen, dass ihr Glaube tragfähig und echt ist. Harmons Studie betrifft gut ausgebildete, skeptische, westlich geprägte Atheisten – also genau die Menschen, die von vielen Gläubigen als «harte Brocken» wahrgenommen werden.

Im Interview erklärt sie: «Ich habe das Buch geschrieben, um einen ehrlichen Blick darauf zu werfen, wie und warum Atheisten atheistisch denken, dann offen für Veränderungen werden und zum Christentum konvertieren.» Sie will bei Atheisten Verständnis für andere erzeugen, für die der christliche Glaube jetzt Sinn ergibt. Sie wünscht sich ausserdem, dass diese ein Leben als Christen für sich selbst ernsthaft in Betracht ziehen. Und als Nebeneffekt zeigt sie vielen Christen: Es lohnt sich, für andere da zu sein, denn die meisten Menschen werden nicht über fachlich komplizierte Diskussionen für den Glauben gewonnen, sondern über liebevolle Beziehungen.

Ausführlich berichten Joel Furches bei Patheos und Christopher Reese bei Christianity Today über den Inhalt des Buchs.

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