Raum für Zweifel – Warum junge Menschen den Glauben verlieren

Wer Menschen zum Glauben führt, muss sich auch Gedanken darüber machen, weshalb sie ihn wieder verlieren können. Und wie sie bei Zweifeln unterstützt werden können.

Wer Menschen zum Glauben führt, muss sich auch Gedanken darüber machen, weshalb sie ihn wieder verlieren können. Und wie sie bei Zweifeln unterstützt werden können.

Wenn ein Christ seinen Mitchristen erklärt, er habe den Glauben aufgegeben und werde die Gemeinde verlassen, löst dies Fragen und Zweifel, ja seelischen Schmerz aus. Freundschaften können zerbrechen, der eigene Glaube ins Wanken geraten. Es ist daher wichtig, mehr darüber zu wissen, weshalb es zur «Entkehrung» kommt. Keiner hat darüber so intensiv geforscht wie Tobias Faix, Professor für Praktische Theologie an der CVJM Hochschule in Kassel.

In einem Beitrag für die Vierteljahreszeitschrift «Psychologie&Seelsorge» fasst Faix seine Studien zusammen und nennt vier Hauptgründe, weshalb besondere junge Christen ihren Glauben aufgeben. Und er benennt auch die Gegenstrategie. 

Moralische und intellektuelle Stolpersteine

Da ist erstens «die Moral». Junge Gemeindeglieder machen die Erfahrung, dass viele in der Gemeinde sich nicht wirklich an die ethischen Werte halten, die sie in der Predigt hören. Andere haben «alle möglichen Formen von Übergriffen und Verletzungen» durch andere Gemeindeglieder erfahren. Die Betroffenen brechen mit den Verursachern und versuchen, «die Souveräntität über das eigene Leben wieder zu erlangen» (Faix).

Eine zweite Ursache sind intellektuelle Fragen. Die christliche Lehre gerät bei ihnen in einen Konflikt mit geistes- und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie erfahren in einem Prozess des Zweifelns oder Grübelns keine befriedigenden Antworten auf diesen Konflikt.

Identität und Gottesbeziehung

Eine weitere Ursache ist die Klärung der eigenen Identität. «Persönliche Erfahrungen haben meinen Glauben nicht bestätigt, sodass ich auch ohne Glauben ein ethisch guter Mensch sein kann», sagte eine Studienteilnehmerin. Die Betroffenen entdecken, dass ihr christliches Weltbild gar nicht zu ihrem realen Leben passt. Dies kommt häufig in der Pubertät vor. Man distanziert sich allmählich vom gläubigen Umfeld, bis man gar nichts mehr damit zu tun hat.

Für andere ist die verlorene Gottesbeziehung die Ursache. Die Betroffenen leiden darunter, dass ihre Sehnsucht nach einer engen, auch emotionalen Gottesbeziehung im Alltag nicht erfüllt wird. Dies kann dazu führen, dass das Leben immer mehr ohne den Einbezug von Gott geführt wird und Gott schliesslich überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Mehr Raum für eigene Zweifel und Meinungen

Tobias Faix schliesst daraus: Es braucht mehr Raum für Zweifel, Quergedachtes und eigene Meinungen. In der Studie beklagten viele die mangelnde Möglichkeit, über ihre Fragen und Zweifel in der Gemeinde sprechen zu können. Andere beklagten eine «Atmosphäre des Misstrauens und der ungeschriebenen Regeln». Statt die Vielfalt des Glaubens zu feiern, werde immer wieder versucht, «einheitliche Lösungen für alle» zu finden.

Faix plädiert dafür, Christen bei der Entwicklung eines mündigen Glaubens zu helfen. «Ein Mensch mit einem mündigen Glauben befindet sich in einer Entwicklung, in der er immer weniger darauf angewiesen ist, andern etwas vorzumachen.»

Ein Appell an die Gemeinden

Der Theologe stellt auch fest, dass die Abwendung vom Glauben oft bei Umbruchsituationen wie Umzug, Heirat oder Auslandaufenthalt geschieht. Er ruft daher die Gemeinden auf, in einer Zeit der Netzwerke junge Erwachsene auch über die Ortsgemeinde hinweg zu begleiten. Faix: «Wir wünschen uns mehr Sprachfähigkeit in den Kirchen und Gemeinden, mehr Begleitung und sichere Räume, in denen gemeinsam geglaubt, gezweifelt und gehofft werden kann. Denn dafür ist die Gemeinde da.»

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