Glaube, der tiefer blickt – Das Geheimnis umarmen

Die Theologie nennt Gott gern «transzendent», also das Verständnis übersteigend. Gleichzeitig suchen die meisten Christen eher Antworten als Fragen. Wie können wir mit dieser Spannung umgehen?
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Geheimnis

Die Theologie nennt Gott gern «transzendent», also das Verständnis übersteigend. Gleichzeitig suchen die meisten Christen eher Antworten als Fragen. Wie können wir mit dieser Spannung umgehen?

Der Kirchenvater Augustin war neben Paulus einer der grossen Theologen der frühen Kirche. Er behauptete: «Wenn du es verstehst, dann ist es nicht Gott.» Offensichtlich konnte er, der viele erklärende Bücher zum Glauben schrieb, damit umgehen, dass Gott für ihn letztlich nicht greifbar war. Doch dies war für ihn kein Widerspruch, denn tatsächlich gehört das Geheimnis Gottes so elementar zum Glauben wie seine Offenbarung.

Nicht wissen ist richtig

Der ehemalige Pastor Keith Gilesmeint provozierend, dass «wir uns dem Thema ehrlicherweise nicht von einer Position der Sicherheit nähern können, sondern nur aus einer Position der aufrichtigen Unsicherheit». Zusammen mit Kenneth Tanner wünscht er sich, dass Redewendungen wie die folgenden in Gesprächen über Gott normal werden: «Ich weiss es nicht. Es ist kompliziert. Ich habe mich geirrt. Mir fehlen die Worte, um das auszudrücken, was ich sehe. Lassen Sie mich noch einmal darüber nachdenken...»

Bedeutet dies, dass wir aus der Bibel keine Erkenntnisse gewinnen können? Nein. Bedeutet es, dass wir als Christen keine Antworten auf unsere Fragen oder die unserer Zeit haben können? Ebenfalls nein. Stattdessen verändert es die Art und Weise, wie wir uns Gott nähern. Nicht alles lässt sich in «vier geistliche Gesetze» packen, vieles bleibt geheimnisvoll und lässt sich nur in Ehrfurcht bestaunen. Als praktische Folge dieser Haltung formuliert der Prediger und Autor Richard Rohr: «Gott passt nicht in unsere Schubladen, also sollten wir nicht so viel Zeit damit verbringen, uns über unsere Schubladen zu streiten.»

Erfahrung gehört dazu

Wer seinen Glauben aufs Gefühl reduziert, der verliert dabei schnell seine Bodenhaftung. Das Ergebnis ist keine grosse Freiheit, sondern eine Art geistliches Aquaplaning. Wer seinen Glauben hingegen auf Tatsachen beschränkt, verliert das Leben darin. So wird Religion zum Wissensquiz: Wer das meiste weiss, hat gewonnen.

In der Bibel stehen sich diese Haltungen des Erfahrens und Wissens nicht als Gegensätze gegenüber. Jesus hält einmal als grundlegend wichtig fest: «Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.» (Johannes, Kapitel 17, Vers 3). Für diese Erkenntnis verwendet er allerdings keinen Begriff, der sich auf «Wissen» reduzieren lässt – im Gegenteil: Dasselbe «Erkennen» beschreibt das intime Zusammensein von Mann und Frau. Diese enge Verbindung, diese tiefe Beziehung, diese gemeinsame Erfahrung ist das, was die Theologie als Mystik bezeichnet.

Armer Luther

Vom spektakulären mystischen Bekehrungserlebnis des Paulus in der Bibel über die Erfahrungen der Wüstenväter bis hin zu bekannten Mystikern wie dem spätmittelalterlichen Meister Eckhart gab es zu jeder Zeit so etwas wie eine christliche Mystik. Zu Beginn der Reformation war auch Luther noch offen für derartige Erfahrungen (zum Beispiel bei seinem eigenen «Turmerlebnis»). Später sah er eher die Probleme innerer Gotteserfahrungen, auf die sich einige seiner Mitreformatoren auch unabhängig vom biblischen Wort beriefen. So lehnte Luther mystische Gedanken als Schwärmerei ab. Im Gegensatz zur katholischen Kirche oder gar zu den orthodoxen Kirchen mit ihrem Herzensgebettun sich Protestanten bis heute eher schwer mit mystischen Glaubensformen, obwohl gerade der Pietismus eine Herzensfrömmigkeit suchte und unterstrich.

Das Geheimnis umarmen

Niemand kann Gott unters Mikroskop legen oder auch sonst im Detail beschreiben. Das dürfte den meisten Menschen klar sein. Doch wie gross ist das Feld der Unsicherheit? Zum Ende seines Hohelieds der Liebe unterstreicht der Apostel Paulus: «Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels wie im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.» Je nach Prägung und Persönlichkeit denken Christen nun: «Siehst du, hier steht es: Man kann nur sehr wenig wissen, das meiste bleibt ein Geheimnis.» Andere ziehen aus dem gleichen Vers den Schluss: «Es ist doch eindeutig: Die letzte Gewissheit können wir nicht in allem haben, aber das meiste ist sehr deutlich.»

Tatsächlich lässt sich Glaube weder ohne Wissen noch ohne Geheimnisse leben. Unseren tatsachenorientierten Kirchen schrieb der katholische Theologe und Professor Karl Rahner deshalb ins Stammbuch: «Der Christ des 21. Jahrhunderts wird Mystiker sein – oder er wird nicht sein.»

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