Menschen, die nicht mehr glauben – «Schafe im Wolfspelz»

Wenn Menschen ihren Glauben an den Nagel hängen, ging dem meist ein schmerzhafter Prozess voran. «Entkehrung» war kein lang gehegter Wunsch von ihnen. Sie pauschal in einen Topf zu werfen, wird ihnen nicht gerecht und verletzt sie zusätzlich.
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Ein Schaf mit Wolfskopf

Nachdem Sara versucht hat, den Ältesten ihrer Gemeinde zu erklären, warum sie nicht mehr glauben kann, jedenfalls nicht mehr so wie früher, ist sie frustriert. Haben sie ihr überhaupt zugehört? Verstanden fühlt sich die junge Frau nicht. Und beim Hinausgehen hört sie noch, wie einer aus der Gemeindeleitung meint: «Reisende soll man nicht aufhalten…» Dabei wäre sie gern aufgehalten oder überzeugt worden – jedenfalls früher. Menschen, die ihren Glauben an den Nagel hängen, sind eine Herausforderung für ihr christliches Umfeld.

Wollen sie alles besser wissen? Sind sie «in Sünde gefallen»? Oder gilt ihnen der manchmal zitierte Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 19: «Diese Feinde von Christus kommen zwar aus unseren eigenen Reihen, in Wirklichkeit aber haben sie nie zu uns gehört. Sonst hätten sie sich nicht von uns getrennt. Nun aber ist für jedermann sichtbar geworden, dass sie gar nicht zu uns gehören.» Solche Reaktionen sind nur selten hilfreich, weil sie ignorieren, dass es verschiedene Gründe gibt, seine Gemeinde zu verlassen, und weil sie verhindern, eigene Fehler wahrzunehmen.

Einfach wieder «Ungläubige»?

In seinem Buch «Warum ich nicht mehr glaube» von 2014 (Livenet berichtete) stellten Tobias Faix und sein Team ihre Dekonversionsstudie vor – eine gross angelegte Befragung von Menschen, die sich «entkehrt» hatten. Im Rahmen der Templeton Stiftung erforschte der Psychologe Daryl Van Tongeren dieselbe Zielgruppe und untersuchte, wie sie sich nach dieser Entscheidung verhält.

Er hält fest: «In Anbetracht dessen, was wir darüber wissen, wie menschliche Kognition funktioniert und wie soziale Gruppen funktionieren, dachten wir, dass es wahrscheinlich nicht richtig ist, anzunehmen, dass Menschen, die nie religiös waren, dieselben sind wie Menschen, die einmal religiös waren.» Sprich: Religiöse Prägung hinterlässt Spuren. Van Tongeren weist zunächst einmal auf die Menge der Betroffenen hin. Von seinen 8'264 Befragten in den USA, Hongkong und den Niederlanden hatten rund 20 Prozent mit dem Glauben abgeschlossen («done with religion») – immerhin jeder fünfte Christ. Doch diese Menschen sind nicht einfach «Ungläubige», sie bilden eine sehr heterogene Gruppe.

Warum gehen die Leute?

Van Tongeren nennt in einem Podcast vier Hauptgründe: intellektuelle Probleme, religiöse Traumata, persönliche Schwierigkeiten und soziale Gründe. Ausserdem beschreibt er seine «Ersatz-Frühstücks-Hypothese», nach der sich Menschen, denen Religion nicht (mehr) wichtig ist, gern mit anderen zusammentun, denen es genauso geht, um sich schliesslich zum Frühstück statt zum Gottesdienst zu treffen.

Keiner geht so ganz

Ein wichtiger Teil seiner Studie beschäftigt sich damit, wie sich die Gegangenen verhalten. Dabei wird deutlich, dass sie religiösen Menschen immer noch viel ähnlicher sind als solchen, die nie religiös waren. Sie behalten nicht alles bei, suchen aber offensichtlich so etwas wie einen «psychologischen Mittelweg», der sie vom Konsumverhalten bis hin zu persönlichen Werten weiter beeinflusst. Van Tongeren sieht drei Gründe für dieses Verhalten:

  1. Glaube bietet einen starken kognitiven Rahmen, der nicht so leicht zu erschüttern ist.
     
  2. Glaube ist in seinen Ausprägungen vielfach Gewohnheit – und diese ist schwer zu durchbrechen. (Van Tongeren nimmt als Beispiel das Beten vor dem Essen: Viele nicht mehr christliche Menschen halten trotzdem für einen Augenblick inne.)
     
  3. Religiöse Rückstände bleiben auch aufgrund von sozialen Gemeinschaften bestehen. Viele bewegen sich weiterhin in christlichen Kreisen oder ähnlichen Gruppen, die sich mit verwandten Themen beschäftigen und eine ähnliche Sprache gebrauchen.

Dieses unvollständige Abnabeln wird von vielen, die der Religion den Rücken gekehrt haben, als Konfliktfeld angesehen. Sie gehören in der Gemeinde nicht mehr dazu und werden, wie oben beschrieben, vielleicht sogar als Bedrohung gesehen. Van Tongeren greift hierzu ein biblisches Bild auf und dreht es um. Er betont, dass diese Menschen kein «Wolf im Schafspelz» sind – sie verstellen sich nicht, um Christen zu schaden. Oft wurde ihnen von Christen geschadet, und die meisten haben eher Probleme mit ihrer Gemeinde als mit Gott. Vieles in ihrem Denken und Verhalten ist noch sehr christlich geprägt, und es ist nicht klar, ob ihr Zweifel zu einer wirklichen Abkehr oder einer neuen Hinwendung zu Gott führen wird. So sieht Van Tongeren sie als «Schafe im Wolfspelz» und hofft, ihnen auf eine konstruktive Art begegnen zu können.

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