Die Fragen, die Jesus stellte – Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch immer keinen Glauben?

Wir verlieren vielleicht Geld, Gesundheit, einen lieben Menschen. Aber die Substanz unserer Seele muss dadurch nicht in Gefahr geraten. Jörg Ahlbrecht schreibt zu zwei weiteren Fragen, die Jesus seinen Jüngern stellte.
Unsplash / Xavier Mouton Photographie
In den Armen Gottes brauchen wir keine Angst zu haben

Am Ende eines anstrengenden Tages fordert Jesus seine Jünger auf, ins Boot zu steigen und auf die andere Seeseite zu fahren (Markus Kapitel 4, Verse 35-39). Die Jünger tun, was der Meister sagt – und landen infolgedessen mitten in einem Sturm. So kann es gehen – auch im Glauben. Alles richtig gemacht – und dennoch plötzlich im tödlichen Sturm.

Die Wellen schlagen ins Boot und die Jünger kämpfen um ihr Leben. Mit grossem Frust wecken sie den schlafenden Jesus und schleudern ihm voller Verzweiflung die Frage entgegen: Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen? (V.38)

Der aufgeweckte Jesus erfasst die Situation sofort, bedroht den Sturm und die Wellen – und sofort legt sich das Unwetter. In die Stille hinein stellt Jesus nun seinerseits zwei Gegenfragen: Warum habt ihr solche Angst? Und: Habt ihr immer noch keinen Glauben?

Die letzten Jahre meines Lebens gehören sicherlich zu den stürmischsten, die ich bisher erlebt habe. Eine massive berufliche Krise – die sich über mehrere Jahre zog. Dann die Pandemie mit all ihren Herausforderungen. Impfen, Kurzarbeit, Planungsunsicherheit. Dazu der Krieg in Europa, Energiekrise, Inflation. Und auch gesundheitliche Herausforderungen – all dieser Mix hat sich zu einem gewaltigen Sturm zusammengebraut. Daher fühle ich mich den Jüngern in dieser Situation besonders nahe – und spüre zugleich den Stachel dieser Fragen, die Jesus stellt.

Warum habt ihr solche Angst?

Was werden die Jünger wohl gedacht haben, als sie so triefend, patschnass und völlig ausgepowert da im Boot sassen? «Herr, machst du Witze? Fragst du ernsthaft, warum wir Angst haben?? Welchen Teil von 'Wir saufen ab!' hast du denn nicht verstanden? Wir stehen hier schon knöcheltief im Wasser – und wir können nicht schwimmen. Wie sollte man denn da keine Angst haben?»

Je länger ich über diese Frage nachdenke, desto mächtiger klingt sie in meinem Inneren nach. Meint Jesus diese Frage ernst? Weiss er wirklich, wovon er hier redet? Denn das würde ja bedeuten, dass Angst nicht die unvermeidliche Konsequenz ist, selbst, wenn das Boot sinkt. Könnte man im sinkenden Boot sitzen und keine Angst haben?

Parken wir die Frage mal für einen Moment – und sehen wir uns die zweite Frage an:

Habt ihr immer noch keinen Glauben?

Das wird ja immer besser! Was ist das denn bitte schön für eine Frage? Was wäre die Antwort der Jünger wohl gewesen? «Keinen Glauben? Ernsthaft? Findest du das nicht ein bisschen stark? Wir haben alles verlassen, sind dir gefolgt, wir sind Tag und Nacht mit dir unterwegs. Wir hören auf dich, wir lernen von dir, wir sind dir sogar in dieses Boot gefolgt und dabei hier nun dem Tod nur um Haaresbreite entgangen. Nennst du das keinen Glauben? Vermutlich haben wir nicht genug Glauben, aber gar keinen Glauben?»

Von was für einem Glauben redet Jesus hier? Der Philosophie-Professor Dallas Willard schreibt dazu sinngemäss: Die Jünger haben Glauben an Jesus! Den Glauben, dass Jesus ihnen in ihrer Situation helfen kann. Aber sie haben nicht den Glauben von Jesus. Den Glauben, mit dem Jesus glaubte. Das Vertrauen in den Vater, aus dem Jesus heraus lebte. Das Vertrauen, das nicht nur meint, dass er dem Sturm Einhalt gebieten kann. Sondern das Vertrauen, das ihn mitten im Sturm ein Nickerchen machen lässt.

Diesen Glauben haben die Jünger in der Tat nicht. Aber Jesu Frage macht deutlich, dass er davon ausgeht, dass seine Nachfolgerinnen und Nachfolger genau diesen Glauben haben können – ja, vielleicht sogar haben sollten.

Leben im tiefen Vertrauen

Die beiden Fragen «Warum habt ihr solche Angst?» und «Habt ihr denn immer noch keinen Glauben?» gehören zusammen und sie verweisen auf eine andere Art zu leben. Ein Leben im tiefen Vertrauen, dass Gott uns in seiner Hand hat und dass uns nichts, gar nichts, wirklichen Schaden zufügen kann.

Für Jesus war diese Welt ein absolut sicherer Ort in Gottes grossartigem Universum (Dallas Willard). Nicht, weil alles so laufen würde, wie er sich das dachte. Sondern weil er völlig darauf ausgerichtet war, in Gottes Reich zu leben. Weil er sich in der Hand Gottes geborgen wusste. Weil er wusste, dass ihn nichts von der Liebe Gottes trennen kann. Dass ihn selbst sein eigener Tod nicht wirklich Schaden zufügen konnte. Es mag Leiden geben. Wir mögen Verluste erleiden. Wir verlieren vielleicht Geld, einen Job, die Gesundheit, einen lieben Menschen, am Ende sogar unser leibliches Leben – und doch ist die Substanz unserer Seele niemals in Gefahr. Mann, ist das steil. Und herausfordernd.

Für mich haben sich diese beiden Fragen in meinem Kopf festgesetzt. Sie klingen nach, sie stellen meine Ängste in Frage. Sie fordern mein Vertrauen immer wieder heraus. Und sie weisen mich wieder und wieder auf den hin, der diese Fragen stellt. Der mich dazu einlädt, meine Angst loszulassen. Und zu vertrauen – selbst, wenn der Sturm tobt und das Boot zu sinken beginnt.

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