Begegnungen mit offenem Visier – Warum echte Beziehungen besser sind als Inselexistenzen

Auf die Liebe, die Christen untereinander leben, scheint es matchentscheidend anzukommen. An ihr werde die Welt erkennen, dass wir zu ihm gehören, sagt Jesus im Johannesevangelium. Tobias Illig hat über die Bedeutung dieser Aussage nachgedacht.
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Gute Freunde beim Camping

Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Liebt einander! So wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr euch auch untereinander lieben. An eurer Liebe zueinander wird jeder erkennen, dass ihr meine Jünger seid. – Jesus im Johannesevangelium, Kapitel 13, Verse 34 und 35.

Das, was Jesus verlangt, ist ein ganz schön hoher Anspruch. Christen sollen sich nicht nur untereinander «lieben», es soll auch noch vorzeigbar nach aussen sein. Daran wird man (= die Welt) erkennen, ob wirklich was dran ist am christlichen Glauben (= ob wir seine Jünger sind).

Spürbar von der Umwelt abheben?!

Dabei hat man im Umfeld von Christen doch ähnliche, wenn nicht sogar identische Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, innerhalb derer man seinen Alltag bewältigt. Nichts Besonderes also. Und hier sollen sich Christen spürbar von ihrer Umwelt abheben?! Jeder streitet. Ich sehe hier oft keinen wirklich signifikanten Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen. Im Gegenteil: Weil mein Anspruch an Christen so hoch ist, registriere ich Unstimmigkeiten und Konflikte bei Christen eher als bei Menschen, die nichts von Jesus wissen.

Wir werfen mal einen Blick in unser eigenes egozentriertes Umfeld: Sonntagmorgen auf dem Weg zum Gottesdienst. Vorher natürlich für mich als Familienvater der allmorgendliche Stressfaktor Frühstück, alle zusammentrommeln und ins Auto verfrachten. Damit ist dafür gesorgt, dass ich schon adrenalingestärkt aufbreche. Bei diesem Prozedere ist der Geräuschpegel oft genug schon «unchristlich» hoch, dass ich gar nicht möchte, dass man daran irgendetwas (!) erkennt.

Im Gottesdienst angekommen freue ich mich auf Menschen, die mir lieb sind. Dort sitzen aber auch noch andere Menschen, die mir nicht persönlich nahe sind. Manchmal ertappe ich mich in der Selbstbeobachtung dabei, wie ich sie mustere und meine Vorurteile füttere. Zum Glück erkennt man meine inneren Selbstgespräche dabei nicht nach aussen. Das wäre oft genug gar nicht christlich.

Hauptsache ist, dass ich jemandem begegne

Und so könnte ich die ganze Woche durchgehen. Wem begegne ich freundlich und geduldig auf der Arbeit, wenn Termindruck, hektische Betriebsamkeit und angespannte Beziehungen das Leben und Arbeiten erschweren? Kann ich da wirklich immer freundlich bleiben? Konstruktiv sein? Vermitteln? Selbst im Streit professionell bleiben?

Natürlich nicht. Man muss viele «christliche» Ansprüche auch mal auf ein realistisches Mass runterbrechen, um nicht mit einem Dauer-schlechten-Gewissen herumzulaufen. In der Biografie von Jesus selbst ist die gesamte menschliche Gefühlspalette abgebildet. Wenn ich ihm folge, darf ich auch mal schlecht drauf sein oder «schuldig» werden, wenn ich aggressiv meine Meinung vertrete.

Hauptsache ist ja, dass ich jemandem begegne. Es gibt zu viele Menschen, die sich scheuen, mit einem anderen in einen offenen Konflikt einzusteigen und das auch auszufechten. Lieber ziehen sich Menschen beleidigt oder hoch verletzt in ihr Schneckenhaus zurück, hegen innere Schwüre («Nie wieder werde ich jemandem vertrauen», «Ich will nie wieder so verletzt werden», etc.) und fristen so ihr Dasein auf ihren isolierten Inseln. Sie zeigen sich dann irgendwann auch nicht mehr authentisch im Freundeskreis.

Firewalls und Schutzräume niederlegen

Echte Beziehungen werden kaum mehr möglich, wo die Person keine Rolle spielt oder irgendeine Maske aufsetzen muss. Ich bin für aufrichtige Begegnungen. Wissen, woran man ist. Wissen, was wir voneinander denken. Jesus hat es vorgemacht und trifft in das Mark unserer Identität: Er spricht uns mit unserem Namen an (etwas sehr Intimes, was wir nicht mit der ganzen Welt teilen) und sucht die Gemeinschaft mit uns (geht mit zum Abendessen). Den Zöllner Zachäus im Lukasevangelium, Kapitel 19 hat das komplett überzeugt.

Wenn es stimmt, dass wir für Gemeinschaft geschaffen wurden (1. Mose Kapitel 1, Verse 26-28 und Apostelgeschichte Kapitel 2, Vers 42), dann sollten wir unsere Firewalls und Schutzräume niederlegen. Wir müssen aus dem schützenden Schattendasein heraus ins Flutlicht echter Begegnungen treten. Nur, wer mit offenem Visier auf andere zugehen kann, ist innerlich stabil genug, um Beziehungen auszuhalten und mitzugestalten.

Daran (!) wird die Welt erkennen …

Wir müssen uns mit Namen ansprechen. Wir müssen uns kennen und lieben. Wir müssen uns in allem Respekt und Würde sagen können, was wir voneinander denken. Nicht immer, aber die Möglichkeit soll gegeben sein. Wir treten in eine neue Dimension der Begegnung ein. Sie ist mehr als das übliche Teilen von Lebensumständen, Sorgen und Freuden. Es werden aufrichtige Begegnungen auf Augenhöhe sein, die wir da eingehen.

Ich meine, daran (!) wird die Welt erkennen, dass wir Jesu Jünger sind und nicht an der Art und Weise, wie wir streiten. Gott misst uns an unseren Herzen und zuallererst unserem eigenen. Und dann an der Qualität unserer Herze zueinander in der christlichen Community und unserem Umgang untereinander. Dann wird die Welt erkennen, dass wir zu Jesus gehören und sein Wesen mit allen Gefühlsregungen, die er auch hatte, reflektieren.

To-Do

  1. Welche Beziehung muss ich klären, die in Schräglage geraten ist?
  2. Wie will ich mit Vorurteilen anderen gegenüber umgehen?
  3. Wie gehe ich mit Andersdenkenden um?
  4. Wo darf ich ruhig auch mal aggressiver werden, um die Beziehung zu stärken (falls es zu ruhig wurde)?

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Neuauflage. Er erschien zuerst am 05.10.2018 auf Jesus.ch.

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