Plädoyer für Umgangsformen – Höflichkeit ist eine Zier…

…doch weiter kommt man ohne ihr» lautet ein altes Sprichwort. Dabei muss freundlicher Umgang weder erfolglos noch übertrieben sein. Er kann geradezu als Markenzeichen christlicher Werte gelten.
Unsplash/ Kelly Sikkema
Freundlicher Umgang mit Menschen

«Küss die Hand, gnädige Frau!», «Darf ich Ihnen die Tür aufhalten?» Höfliche Gesten wie diese haben etwas karikaturhaftes, weil sie eher ältlich und übertrieben wirken als freundlich. Ohnehin nehmen sie im täglichen Leben nur wenig Raum ein. Im Geschäftsbereich nennt sich Höflichkeit meist Kundenorientierung und ist klar den kommerziellen Interessen untergeordnet. Wer kennt es nicht, von einer Verkäuferin im Laden lächelnd angesprochen zu werden und den Absturz ihrer Gesichtszüge mitzuerleben, wenn man signalisiert: Ich werde hier wohl nicht einkaufen… Wie sehr Menschen beim Umgang miteinander schauen, was «man» macht oder was gerade üblich ist, erleben wir momentan am politischen Diskurs: Aufgeregtheit schlägt dort so manches Mal Einsicht und Beleidigung geht oft über Sachlichkeit. 

Interessanterweise prägt dieses Verhalten allerdings auch Bereiche, die erst einmal mit Kommerz und Politik nichts zu tun haben: zum Beispiel den Umgang von Christen miteinander. Wer manchen Schlagabtausch auf Facebook oder auch im wirklichen (Gemeinde-)Leben verfolgt, sieht, dass sich Liberale wie Konservative dabei sehr stark am Zeitgeist orientieren und vor lauter «Stellung beziehen» und «Wahrheiten betonen» die Grundformen eines respektvollen und freundlichen Umgangs miteinander verlassen – immerhin mit Menschen, mit denen sie einmal die Ewigkeit verbringen wollen.

Mehr als Benimm und Heuchelei

Manches daran mag an dem grundsätzlichen Missverständnis liegen, dass Höflichkeit nur ein freundlicher Ausdruck für Heuchelei oder Lüge wäre. «Gut siehst du wieder aus», sagt man und denkt das Gegenteil. Doch solch eine Form von Höflichkeit ist genauso karikaturenhaft wie die eingangs beschriebene. Echte Höflichkeit ist Ausdruck christlicher Werte – was eine Umfrage des Emnid-Instituts unterstreicht, in dem Menschen die für sie zehn wichtigsten Umgangsformen nennen. Dazu gehören rücksichtsvolles Verhalten (Platz 1), andere ausreden lassen, gute Manieren, Zivilcourage und Toleranz für Andersartigkeit. All das ist kein «nice to have», das man auch weglassen könnte! Das Problem ist allerdings nicht neu. Schon Paulus erinnerte die Philipper: «Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.»  

Kommunikation mit Herz

Man kann Höflichkeit als äusserliche Formsache sehen – man kann sie aber auch als Sprache des Herzens begreifen, als Entscheidung, dem Gegenüber damit zu zeigen, was er oder sie in Gottes Augen wert ist. Ein Gruss, ein «Bitte» oder «Danke», Respekt und Freundlichkeit können unterstreichen, dass man im anderen Gottes Ebenbild sieht. Diese Höflichkeit ist eine klare Absage an Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Sie ist zugewandt und offen. Sie entkrampft das Miteinander. Der Theologe Romano Guardini sprach dabei von der «Höflichkeit Gottes», dem Gedanken, dass Gott uns unseren Lebensraum gönnt. Aussagen wie diese können genauso aus der Zeit gefallen wirken wie ein Handkuss. Auf der anderen Seite sind sie als «soft skills» aktueller Bestandteil von Leben und sogar Karriere, so unterstreicht zum Beispiel der Tanzlehrer-Berufsverband: «Mit Höflichkeit und Hilfsbereitschaft gepaart sind die ‘soft skills’ der einzige Weg, um im Leben und im Beruf Erfolg zu haben.»

Ist es nicht utopisch, als Christen in einer Ellbogengesellschaft andere Akzente setzen zu wollen? Natürlich. Es ist genauso utopisch wie Feindesliebe, Diakonie, Vergebung und viele andere typisch christliche Haltungen. Aber selbst der Ansatz eines Versuchs, das zu leben, verändert bereits die Welt. Über diese Auswirkungen sprach bereits Jesus im Johannes-Evangelium und meinte (leicht verändert!): «Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr höflich miteinander umgeht.»

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