Radikale Nächstenliebe – Heilen statt heulen

«Das ist entsetzlich – unchristlich – ein Anschlag auf die christlichen Werte, ja, auf Gott selbst.» So ähnlich klingt die Empörung mancher Gläubigen, wenn sie Äusserungen anderer Menschen begegnen. Was tat Jesus in solch einer Situation?

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Jesus heilte den jungen Mann

Abends auf dem Ölberg kam Judas zu seinem Freund und Rabbi Jesus und gab ihm einen Kuss. Daraufhin wussten die «zufällig» in der Nähe befindlichen römischen Soldaten, wen sie verhaften sollten, und griffen sich Jesus, um ihn gefangen zu nehmen. Doch er war nicht allein. «Als nun seine Begleiter sahen, was da geschehen sollte, sprachen sie zu ihm: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?» Es blieb keine Zeit, diese Frage zu klären, denn Petrus war bereits voll im Empörungsmodus. Ebenfalls «zufällig» hatte er sein Schwert dabei und benutzte es. «Und einer von ihnen schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Da antwortete Jesus und sprach: Lasst ab davon! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.»

Diese seltsame Geschichte wird in allen Evangelien überliefert. Hier sind die wenigen Verse in der Version von Lukas zitiert; dass Petrus der Jünger mit dem Schwert war und sein Gegenüber auch einen Namen hatte – Malchus –, erzählt nur Johannes. Mitten in einer hektischen und aggressiv aufgeladenen Handlung spürt man hier, wie etwas Besonderes geschieht, als Jesus auf die Pausentaste drückt, sich der Aufregung verweigert und das tut, was er sonst auch getan hat: heilen. Hat dies einen Bezug zu unserer Situation heute?

Draufhauen war noch nie eine Lösung

Erstaunlicherweise entsteht der Reflex zum Draufhauen, zum Zurückschlagen und ruhig auch zu einer Rundum-Abrechnung kaum in Regionen, wo es für gläubige Menschen tatsächlich um Leib und Leben geht. Das Narrativ «Leider darf man so etwas bei uns ja nicht mehr sagen» ist in unseren Breiten zu Hause – da, wo man sich äussern kann und es auch tut. Das geschieht bei politischen und gesellschaftlichen Aufregerthemen wie dem Gendern oder Gleichstellungsfragen. Das geschah gerade bei der Eröffnung der Olympiade, wo ein buntes und geschmacklich durchaus zweifelhaftes Ereignis eine Welle der Empörung auslöste. Mit jedem Artikel wurde es deutlicher, dass diese Welle weniger dem Ereignis selbst als vielmehr dem Kultivieren der eigenen Empörung galt – immerhin kam sie genau richtig fürs ereignislose Sommerloch. Autoren wie Peter Hahne haben sich von ihrem Ansatz verabschiedet, «Gute Nachrichten» (so ein früherer Buchtitel) zu verbreiten, stattdessen haben sie die permanente Empörung als bestsellertauglich kultiviert. Sein neues Buch «Ist das euer Ernst?» heisst im Untertitel «Aufstand gegen Idiotie…» und spielt faktenfrei mit populistischen Themen.

Eine einzelne Bibelstelle wie die oben zitierte ist sicher nicht die Antwort auf jede Form von gesellschaftlicher Auseinandersetzung für Christen heute. Aber sie setzt einen deutlichen Kontrapunkt: Draufhauen ist nicht die einzige Lösung, eigentlich ist es gar keine…

Aber die anderen machen es doch auch

Schnell ist man dann in dem Bereich, wo unterstrichen wird, dass andere das doch auch tun: unfaire Berichterstattung abliefern, verleumden, angreifen. Da ist sicher etwas dran. Und es stimmt: Das ist nicht in Ordnung. Aber es ist ein Unterschied, diese Missstände zu benennen oder sie als Alibi für genauso fragwürdige Aktionen zu nehmen. Im oben schon genannten Beispiel macht Jesus deutlich, dass es möglich ist, sachlich auf gewalttätige oder ungerechte Handlungen zu reagieren. «Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und mit Stöcken! Als ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr die Hände nicht gegen mich ausgestreckt», hält er den Verantwortlichen entgegen – nicht den ausführenden Soldaten! Das Problem bei solch einer Antwort: Damit kann man weder bei den eigenen Leuten punkten noch eine Auseinandersetzung gewinnen. Beides sind heute hohe Werte.

Heilen statt heulen

Noch einmal: Ich glaube nicht, dass diese Verhaftungsszene ein Vorbild für jede angriffige Lebenssituation ist, in die Christen geraten. Aber sie ist auch keine einmalige Handlung in der Vergangenheit. Jesus verschiebt darin den Fokus: Er will nicht gewinnen, sondern überwinden. Er will nicht Recht behalten, sondern zum Glauben einladen. Er will nicht heulen, sondern heilen. Könnte es sein, dass solch ein heilendes Auftreten Menschen wesentlich nachhaltiger von Gottes Liebe überzeugen würde als ein vehementes Bestehen auf dem, was Gläubigen angeblich zusteht? Nicht Angriff ist die beste Verteidigung – die Liebe ist es.

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