Im Güterzug nach Auschwitz – Warmhalten rettet Leben

Als der Teenager Yankel in einer eiskalten Nacht im Güterzug nach Auschwitz abtransportiert wurde, sah er einen Mann, der vor Kälte zitterte. Was er dann tat, rettete ihm das Leben – und gibt uns eine Lektion fürs Leben.
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Güterzug

Als der Teenager Yankel im Güterzug nach Auschwitz abtransportiert wurde, sah er einen Mann, der vor Kälte zitterte. Was er dann tat, rettete ihm das Leben – und gibt uns eine Lektion fürs Leben.

In Crown Heights lebte ein Jude namens Yankel, der eine Bäckerei besass. Er hatte das Konzentrationslager in Deutschland überlebt und war anschliessend in die USA gekommen. Er erzählte einmal: «Weisst du, warum ich heute noch am Leben bin? Ich war damals noch klein, ein Teenager. Wir waren im Zug, in einem geschlossenen Güterwagen, der nach Auschwitz gebracht werden sollte. Es wurde Nacht und es war eiskalt in dem Güterwagen… Diese Züge standen über Nacht auf Nebengleisen, manchmal mehrere Tage lang, ohne Essen, ohne Decken, die uns warmhielten.

Neben mir sass ein älterer Jude, dieser liebe ältere Herr aus meiner Heimatstadt. Ich kannte ihn, aber ich hatte ihn noch nie so gesehen: Er zitterte vom Kopf bis zu den Füssen und sah schrecklich aus. Ich ging zu ihm und umarmte ihn. Dann begann ich, ihn zu reiben, um ihn aufzuwärmen. Ich rieb seine Arme, seine Beine, sein Gesicht, seinen Nacken. Und ich bat ihn, auch mich zu umarmen. Die ganze Nacht lang hielt ich den Mann auf diese Weise warm. Ich war müde, selbst eiskalt, meine Finger waren klamm, aber ich hörte nicht auf damit, ihn zu reiben und dadurch warm zu halten.

Nur zwei überlebten…

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Yankel Wiernik

Stunden vergingen. Endlich war die Nacht vorbei, der Morgen kam und die Sonne schien wieder. Der Waggon wurde ein wenig wärmer. Ich schaute mich nach den anderen Juden im Waggon um: Zu meinem Entsetzen sah ich überall erfrorene Körper, es herrschte Totenstille. Niemand sonst hatte die Nacht überlebt, alle starben vom Frost. Nur zwei Menschen überlebten: der alte Mann und ich… Der alte Mann überlebte, weil jemand ihn warmgehalten hatte; und ich überlebte, weil ich jemanden warmgehalten hatte…»

Halten Sie zurzeit jemanden – im übertragenen Sinne – warm? Oder achten Sie in Ihrem Leben nur auf sich, auf die eigene Erholung, das eigene Einkommen, das eigene Auskommen, das eigene Überleben? Im Neuen Testament werden wir immer wieder zum «Warmhalten» aufgefordert, insbesondere im Zusammenhang der Gemeinde: nämlich uns gegenseitig zu dienen, einander zu helfen, die Lasten anderer Mitchristen zu tragen, und einander zu lieben.

Eine (unvollständige) Liste des «Warmhaltens»:

Den anderen «warmzuhalten» kostet Kraft und gibt einem vielleicht das Gefühl, selbst kalt zu werden. Wie kann ich denn einem Freund helfen, seine Lasten, vielleicht eine zerbrochene Beziehung zu tragen, wenn ich selbst an meinen eigenen Lasten kauen muss? Wie oft soll ich eine Bekannte trösten, die immer nur das Negative im Leben sieht? Wie lange muss ich andere ertragen, ihnen vergeben?

Warmhalten hält auch mich warm

Die Geschichte von Yankel aus Crown Heights endet mit den Worten: «Wenn du das Herz anderer Menschen wärmst, bleibst du selber warm. Wenn du danach strebst, andere zu unterstützen, zu ermutigen, zu inspirieren, wirst du selbst Unterstützung, Ermutigung und Inspiration in deinem Leben erleben.» Und ich denke, das ist genau das, was Gott sich denkt, wenn er uns diese manchmal fast unmöglich scheinenden Aufforderungen macht: Wenn wir andere ertragen, ermutigen, trösten, tragen, dann wachsen wir daran, werden aber auch selbst erleben, wie wir Ermutigung, Trost und Hilfe bekommen, wenn wir sie nötig haben. Denn das ist doch Gemeinde: Eine Gemeinschaft von Menschen, die einander erbauen, helfen, tragen, ermutigen, auch mal ermahnen, und miteinander wachsen. So können wir einander warmhalten und erleben, wie wir dadurch selbst zum Leben kommen.

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