Charaktereigenschaften – Stolz – wenn er zu Gift wird!

«Darauf bin ich stolz!» – Wenn das einer sagt, dann mag man sich mit dem anderen freuen. Und wer gönnt es den Eltern nicht, wenn sie zufrieden aller Welt verkünden, dass ihre Kinder ihr ganzer Stolz sind?
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Stolz und Neid liegen nahe beieinander

Warum aber ist Stolz falsch? Wünschen wir uns nicht alle, dass Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und ein Gefühl für das haben, was sie gut können? Vielleicht werden die problematischen Seiten des Stolzes klarer, wenn man ihn mit dem Neid vergleicht.

Stolz: Eine Schwester des Neids

Während Neid dem anderen etwas nicht gönnt, ist es mit Stolz anders: Da meint man etwas zu haben, was ein anderer nicht hat, aber man denkt, dass es ihm auch nicht zusteht. Während Neid uns vom anderen trennt, weil wir ihm neiden, was er hat, ist Stolz eine Haltung, die sagt: «Du hast es ja auch nicht besser verdient. Denn du, deine Herkunft, dein Verhalten sind nicht o.k.»

Man könnte den Neid als die Schwester des Stolzes bezeichnen. Neid stellt das in Frage, was der andere hat, Stolz dagegen zielt auf den anderen selbst ab und rückt ihn in ein schlechtes Licht.

Zu viel auf sich geben

Stolz bleibt also nicht bei dem, was man selbst geschafft hat, sondern es vergiftet die Beziehung zum anderen. Es Haltung, die sich so äussert: «Ich bin besser als du!» Wenn man aber viel auf sich selbst gibt, behandelt man andere zumeist nicht gut und meint, auch noch gute Gründe dafür zu haben. Wer auf diese Weise stolz ist, erhebt sich über den anderen.

Dabei kann man sogar auf Dinge stolz sein, die für andere vielleicht sogar eher Grund für Komplexe sind. Zum Beispiel Menschen mit geringem Einkommen oder Besitz. Sie können aus ihrer «Unterlegenheit» eine Haltung entwickeln, die auch zu Stolz führt.

Etwa so: Man ist stolz auf die eigenen bescheidenen Verhältnisse, während der andere, mit dem man sich vergleicht, seinen Stand sicher mit fragwürdigen Methoden – Unehrlichkeit, übertriebenem Leistungsdenken etc. – erreicht hat.

Und hier sind wir am negativen Kern von Stolz: Letztlich steht dahinter fast immer ein Gefühl der Unterlegenheit; deswegen braucht man Gründe, warum es der andere nicht verdient hat. Das folgt dem Prinzip: Mach‘ den anderen klein, damit du selbst grösser erscheinst.

Stolz ist wie ein Gift

So vergiftet Stolz die Gedanken über den anderen und macht ein gutes Miteinander geradezu unmöglich. Stolz macht hart, verhindert Teamgeist und führt in die Einsamkeit.

Stolz macht aus blossen Unterschieden ein Oben und Unten. Er errichtet Hierarchien, hält diese für richtig und will sie geradezu zementieren. So gesehen, ist mit Stolz buchstäblich «kein Staat zu machen». Denn wer stolz ist, bleibt bei sich und auf Distanz zum anderen.

Stolz führt in Isolation

Auch Jesus zeigt, wie Stolz in Isolation führt, sowohl gegenüber Menschen als auch gegenüber Gott. Er beschreibt das Verhalten von einem Frommen und einem Zöllner (der zu seiner Zeit als korrupter Betrüger galt), die beide im Tempel beteten. Jesus macht klar, an wen er seine Botschaft richtet: An alle die, die sich anmassen, fromm zu sein, und andere verachten.

Über den Frommen sagt Jesus: «Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.» (Die Bibel, Lukas-Evangelium Kapitel 18, Vers 9)

In dem Vergleich wird deutlich, dass sich Gott mehr an dem Gebet des Zöllner freut, weil der um seine Schuld weiss und sie nicht bemäntelt. Wohin die jeweilige Lebenshaltung führt, macht Jesus deutlich: «Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.»

Dieser Artikel erschien im August 2011 auf Jesus.ch

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