Liebe in Zeiten der Pandemie – Johannes Reimer: Die Liebe drängt uns, oder?

Die Liebe ist ein Schlüsselelement des Evangeliums. In Zeiten der Pandemie rückt das selbst im Advent aus dem Blick. Deshalb schlägt der Theologe Prof. Dr. Johannes Reimer eine Brücke zwischen Vernunft und Leidenschaft vor.
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Dr. Johannes Reimer

Christen haben die Liebe nicht gepachtet, aber sie ist ein Schlüsselelement des Evangeliums. In Zeiten der Pandemie rückt das selbst im Advent aus dem Blick. Deshalb schlägt der Theologe Prof. Dr. Johannes Reimer eine Brücke zwischen Vernunft und Leidenschaft vor und behauptet: Liebe ist jetzt nicht nur möglich, sondern nötig!

Mit Blick auf die aktuelle Pandemie-Situation drängen sich Johannes Reimer (65) drei Gedanken auf:

Wo ist die glühende Retterliebe geblieben?

«Kaum ein Buch hat mich in meinem Leben mehr geprägt und stärker herausgefordert als das Buch von Oswald Smith 'Glühende Retterliebe'… Die Frage nach dieser Liebe liess mich nicht los und hat mein Leben in den Dienst Gottes gestellt. Nichts davon würde ich heute nach über 40 Jahren aktivem Dienst bereuen. Am allerwenigsten diese provozierende Frage. Sie hat mir über die schwierigen Klippen des Gemeinde- und Missionsalltags geholfen.» Mit dieser Einschätzung steht Reimer nicht allein, wie man an den Vor- und Nachwortschreibern der aktuellen Buchausgabe sieht: Ulrich Parzany und Roland Werner. Auch sie unterstreichen die Dringlichkeit, die Paulus so ausdrückte: «Denn die Liebe des Christus drängt uns…» (2. Korinther, Kapitel 5, Vers 14).

Mit Blick auf die heutige Situation stellt Reimer erstaunt fest: «Umso mehr wundert es mich, dass man immer weniger von der drängenden Retterliebe hört. Evangelisation ist landauf landab zu einer vernünftigen Kommunikation degradiert, und wer sich evangelistisch betätigt, sucht Menschen von der Richtigkeit der evangelischen Glaubenspostulate zu überzeugen. Nicht Leidenschaft, sondern gute Kommunikationsskills sind da gefragt. Freilich: Nichts läge mir ferner als Leidenschaft gegen Kompetenz auszuspielen. Und doch ist kompetente Kommunikation ohne die Leidenschaft der Retterliebe irgendwie eine halbe Sache.» Wo ist die Liebe oder sogar «Retterliebe» geblieben? Sorgen grosse Teile der Gemeinden heute tatsächlich für sich selbst, ohne gleichzeitig den Nächsten und seine Sorgen in den Blick zu nehmen?

Liebe ist das Hauptmotiv der Mission Gottes

Liebe ist der eigentliche Motor christlicher Mission. Diesen Zusammenhang unterstreichen zahlreiche Theologen wie zum Beispiel Roland Hardmeier: «Mission ist in der Tat Gottes liebevolle Suche nach dem Menschen in der Welt, um ihm ein Leben in einem von Gottes Gerechtigkeit geprägten Lebensraum zu ermöglichen.» Reimer zitiert einige Beispiele aus der Bibel, die Gottes Liebe unterstreichen, wie «Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat» (Johannes, Kapitel 3, Vers 16), und ihre missionarischen Folgen aufzeigen: «Darin besteht die Liebe – nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn gesandt hat als Sühnopfer für unsere Sünden. Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, so sind auch wir es schuldig, einander zu lieben» (1. Johannes, Kapitel 4, Verse 10 und 11).

«Liebe, die sogar ihre Feinde lieben kann», betont Reimer, «ist ein Geschenk Gottes und wird uns Christen in der Wiedergeburt geschenkt. Wer aus Gott geboren ist, kann leidenschaftlich lieben. Freilich, man kann diese Liebe auch erkalten lassen. Und genau das ist nach Jesus ein Zeichen des nahenden Endes (Matthäus, Kapitel 24, Vers 12). Zu der Gemeinde in Ephesus schrieb der Apostel Gottes Worte, die die Gemeinde für ihren guten Einsatz lobte und dann doch dafür tadelte, dass sie ihre erste Liebe verloren hätte. Und er mahnte sie dringend, zu dieser ersten Liebe zurückzukehren (Offenbarung, Kapitel 2, Verse 2-5). Nicht weniger als das sagt der Geist Gottes auch uns, der Gemeinde Jesu im westlichen Europa. Wir müssen zur ersten Liebe zurückkehren.»

Weihnachten ist ein Liebesgeschenk inmitten der Krise

Doch Reimer schliesst seine Gedanken nicht mit dem Versagen der Kirche, sondern mit einem Appell, anderen in dieser Weihnachtszeit Liebe zu zeigen: «Es wird wohl alles andere als einfach, dieses Jahr Weihnachten zu feiern. Wir werden, staatlich verordnet, unsere Freunde und Familien weitgehend wieder ausladen müssen. Freilich muss dabei ja die Bescherung nicht gleich ausfallen. Wenn man es rechtzeitig per Post losschickt, sollte auch unser Geschenk noch pünktlich vor Heiligabend ankommen. Und doch wird dieses Jahr vieles anders. Auch sonst ist Weihnachten für viele Alte, Einsame, Flüchtlinge und zwischen alle gesellschaftlichen Maschen gefallene Menschen ein mühsames Fest. Während die intakten Familien um den Weihnachtsbaum herum versammelt sind, blicken diese Menschen ins Leere. Nicht umsonst schnellen die Selbstmordraten in Deutschland ausgerechnet an Weihnachten hoch. Und dieses Jahr wird alles noch schlimmer. Wie nie zuvor ist da Liebe gefragt. 'In der Mission antwortet heute auch die Kirche auf die Not der Welt – oder hat nichts zu sagen' (Roland Hardmeier).»

Prof. Dr. Johannes Reimer (65) unterrichtet Missiologie unter anderem an der UNISA in Südafrika und der Theologischen Hochschule in Ewersbach. Seit 2016 leitet er das Netzwerk für Frieden und Versöhnung der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Er verfasste zahlreiche theologische Bücher und gründete eine Freikirche im ländlichen Raum. Der zitierte Text entstammt einem noch unveröffentlichten Aufsatz.

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