Influencer Nr. 1 – Jesus rettet immer konkret

Im Advent schaut sich Livenet den einflussreichsten Mann der Geschichte etwas genauer an. Heute berichtet Redaktor Hauke Burgarth, wie er eine ganz persönliche Begegnung mit diesem Influencer Nr. 1 hatte – vor dem Isenheimer Altar.
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Der lange Finger des Johannes im Bild des Isenheimer Altars.

Im Advent schaut sich Livenet den einflussreichsten Mann der Geschichte etwas genauer an. Heute berichtet Redaktor Hauke Burgarth, wie er eine ganz persönliche Begegnung mit diesem Influencer Nr. 1 hatte – vor dem Isenheimer Altar.Ich war im Sommer erstmalig in Colmar. Natürlich stand da für mich der Isenheimer Altar auf dem Programm. Live hatte ich ihn noch nicht gesehen, bisher kannte ich nur einzelne Bildtafeln, die man immer mal wieder so sieht: den schrecklich gemarterten Christus am Kreuz, Johannes mit dem überlangen Zeigefinger oder auch die gruseligen Wesen auf einer Altarrückseite, wo die Versuchung des Antonius beschrieben wird. Ich bin eigentlich kein besonderer Fan mittelalterlicher Kunst, aber vor diesem Altar hatte ich eine ganz besondere Begegnung mit Gott.

Ein konkreter Ort – eine konkrete Situation

Heute stehen die Bildtafeln des Isenheimer Altars im Unterlinden Museum. Dort werden sie so präsentiert, dass alle Bilder sichtbar sind. Der kirchliche Raum darum herum unterstützt die Atmosphäre und den gewaltigen Eindruck des Altars. Er sieht aus, als ob er hierhin gehören würde – schon immer gehört hätte. Und der ganze Altar wirkt irgendwie allgemeingültig. Da könnte man fast vergessen, dass er ursprünglich woanders stand und für eine bestimmte Situation gestaltet wurde.

Tatsächlich schuf der Künstler Matthias Grünewaldihn im frühen 16. Jahrhundert als Auftragsarbeit für das Antoniterkloster in Isenheim im Oberelsass. In diesem Kloster befand sich eine Art Hospiz. Die Antoniter betrieben es und kümmerten sich darin um Menschen mit einer besonderen Krankheit: dem «Antoniusfeuer». Diese praktisch unheilbare Krankheit war damals weit verbreitet. Zehntausende Menschen fielen ihr jedes Jahr zum Opfer. Es ist eine Vergiftung durch Mutterkornpilze in ungereinigtem Getreide – doch das war damals noch nicht bekannt. Die betroffenen Menschen litten entsetzliche Schmerzen, hatten Atemnot, Lähmungserscheinungen, Wahnvorstellungen und einzelne Körperglieder starben bei ihnen ab. Die einzige Hoffnung, die diesen Menschen blieb, war ein göttliches Wunder. Dem Heiligen Antonius wurde nachgesagt, dass er heilen könnte, also wurde jede und jeder Kranke vor der Behandlung zunächst in Gottes Gegenwart gebracht und die Mönche beteten dafür – genau: vor dem Isenheimer Altar. Denn dieser Altar stand mitten in der Klosterkirche des Hospizes. Und er war in erster Linie für seine Patientinnen und Patienten gedacht.

Ein konkretes Christusbild

Als ich diesen Hintergrund zum Isenheimer Altar gehört hatte, sah ich ihn plötzlich mit anderen Augen. Ich habe mich nicht länger auf Johannes den Täufer mit seinem überlangen Zeigefinger konzentriert, der einer der wenigen «Lichtblicke» in diesem düsteren Altarbild ist. Ich habe den leidenden Christus am Kreuz angeschaut und realisiert: So ähnlich müssen sich die Kranken damals gefühlt haben. Und ich konnte mir plötzlich vorstellen, dass sie sich getröstet fühlten dadurch, dass Jesus auch gelitten hat, wirklich gelitten, vielleicht sogar schlimmer als sie. Dass sie solch eine drastische Leidensdarstellung brauchten, um zu begreifen, dass Gott ihr Leiden auch versteht.

Und die rückseitige «Versuchung des Heiligen Antonius» wurde für mich plötzlich das Schreckensbild, das die Kranken damals ganz real umgab: Im Hospiz waren sie den Grausamkeiten ihrer Krankheit ausgeliefert. So wie der Kranke, der in der Ecke des Altarbildes neben dem Heiligen abgebildet ist. Sie hatten nur eine Chance: ein wunderbares Eingreifen Gottes. Und Grünewald beschreibt einerseits diese Hoffnung, denn Antonius wurde damals in seiner Versuchung bewahrt. Gleichzeitig unterstreicht er die Ungeduld und das Fragen der Kranken, indem er einen Satz unter das Bild schreibt, der Antonius zugeschrieben wird: «Wo warst Du, guter Jesus, wo warst Du? Warum bist Du nicht (früher) gekommen, um meine Qualen zu beenden?»

Der Isenheimer Altar war also nie eine allgemeingültige Darstellung für jedermann. Er war Verkündigung von Christus in eine ganz bestimmte Situation hinein. Und er tröstete und erreichte die Kranken auf besondere Art und Weise – übrigens bis heute.

Eine konkrete Verkündigung

Wenn ich über Matthias Grünewald nachdenke, den Künstler, der das Altarbild gestaltete, dann wird mir klar, dass die Kraft seiner Darstellung gerade darin liegt, dass er Jesus so subjektiv malte. Er präsentierte keine theologisch-allgemeinen Wahrheiten im künstlerisch-abstrakten Raum. Übertragen redete er also nicht davon, dass Jesus «für die ganze Welt» starb. Stattdessen spitzte er das Evangelium auf eine bestimmte Zielgruppe zu, die Leidenden und Kranken. Ihnen malte er Jesus und seine rettende Liebe im wahrsten Sinne vor Augen – und sie haben ihn gut verstanden.

Der Isenheimer Altar stellt grässliche Szenen dar, die mir immer noch nicht gefallen. Aber ich habe vor diesen mittelalterlichen Bildern wieder neu verstanden, dass Jesus eben nicht nur allgemein «für alle» kam, sondern für mich ganz persönlich. Und wenn ich über ihn rede, versuche ich seitdem, auch immer die Einzelne und den Einzelnen im Blick zu haben in ihren jeweiligen Situationen. Dazu verlängere ich schon mal meinen Zeigefinger und werde unrealistisch – so wie Johannes auf Grünewalds Bild, aber ich bin überzeugt: Genau so begegnen Menschen noch heute dem Influencer Nr. 1.

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