Angst vor Beeinflussung – Ist die Kirche zu nett?

Auf der Suche nach Gott entschied sich ein italienischer Student, die Kirche zu meiden. Sein Grund: Sie sei zu nett und könne durch die angenehme Atmosphäre seine Entscheidung für Gott beeinflussen. Manipulationsgefahr?

Auf der Suche nach Gott entschied sich ein italienischer Student, die Kirche bewusst zu meiden. Sein Grund: Sie sei zu nett und könne durch die angenehme Atmosphäre seine Entscheidung für Gott beeinflussen. Das machte seinen Pastor nachdenklich.

Marco ist ein intelligenter, wissbegieriger Mathematikstudent. Er ist schon öfters in meine Gemeinde in Rom gekommen und zu einem guten Freund geworden, ein toller Typ. Nach ein paar Monaten kam er dann aber immer seltener. Er ging weiterhin zum Glaubenskurs, und wir trafen uns zum Mittagessen, um über geistliche Dinge zu reden. Aber er erklärte, er würde sonntags nicht mehr kommen, obwohl er die Gemeinde mochte. Der Grund? Unsere Kirche war ihm zu warm, zu nett, zu überzeugend … Er mag die Leute, den Gottesdienst – und genau das sei sein Problem. Er habe Angst, dass er das Christentum wegen der Gemeinschaft annehmen wird, wegen der Freundschaften und weil die Atmosphäre so angenehm ist. Deshalb würde er Gott lieber allein suchen und dabei objektiv bleiben. Er wolle nicht, dass die Wärme der Kirche seine Suche nach Gott beeinflusst …

Besser schlechte Gottesdienste und langweilige Predigten?

Diesen Einwand hatte ich zuvor noch nie gehört. Die Kirche ist zu nett? Auf der einen Seite bin ich froh, dass er das so empfindet – wir bemühen uns doch, eine Gemeinschaft zu sein, in der Menschen, die auf der Suche sind, das Christentum auf ihre Weise erkunden können und hoffentlich entdecken, wie wichtig und verändernd es ist.

Aber auf der anderen Seite wusste ich nicht wirklich, wie ich darauf antworten sollte. Vielleicht den Gottesdienst verschlechtern? Die Gemeindeglieder bitten, Besucher nicht zu grüssen? Stumpfsinnig predigen?

Seine Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Kontrolle, selbst wenn er über etwas so Persönliches und Überwältigendes wie Gott nachforscht, finde ich ziemlich eigenartig. Ich glaube, es ist bezeichnend für den Geist unseres Zeitalters. Es zeigt, wie sehr wir unser unabhängiges, rationales, selbstständiges Ich schätzen.

Zwei Gründe für die Kirche

Aber während ich nach einer Antwort für Marco suchte, kam ich nicht von der Bedeutung der Kirche weg. Ich erklärte ihm, ich könne ihm Bücher empfehlen und mich weiterhin allein mit ihm treffen. Aber wenn er nach Gott suchen und ihn wirklich kennenlernen möchte, sei die Kirche fundamental.

Der erste Grund ist ziemlich praktisch: Um etwas Wesentliches aufzunehmen, braucht man eine Gemeinschaft von Menschen, die sich auf derselben Reise befinden, damit sie einen auf dem Weg führen und ermutigen. So wie beim Mathematikstudium: Man kann natürlich allein lernen, dafür benötigt man nur die Bücher. Aber wenn man das Fach beherrschen will, es wirklich verstehen und dabei nicht entmutigt werden möchte, muss man zur Universität gehen, neben anderen Studenten sitzen, geprüft werden und von eher einfachen zu komplexeren Themen gelangen.

Dasselbe gilt für unser Leben: Wenn wir nicht Teil einer Gemeinschaft sind, und sei es nur für eine Zeit lang, werden wir nicht ausreichend motiviert, etwas wirklich tiefgreifend zu erforschen, weil uns das Leben ständig ablenkt. Und wir werden nicht wirklich herausgefordert – es besteht die Gefahr, dass wir mit einem persönlichen Glauben enden, der letztlich nur die eigenen Vorzüge widerspiegelt.

Der Leib Jesu auf Erden

Der zweite Grund, weshalb Gott ohne die Kirche einfach nicht möglich ist, ist noch viel wichtiger: Gott kennenzulernen ist etwas so Persönliches, dass Gott dafür selbst Mensch wurde. Christen glauben, dass Jesus das verkörperte Abbild Gottes ist und dass er die Gemeinschaft seiner Nachfolger – der Kirche – als Leib Jesu auf der Erde gelassen hat, der durch Gottes Geist geschaffen wird. Dieser Leib ist einzigartig sichtbar, konkret und fassbar.

Eine Gemeinschaft von Menschen macht ganz konkrete Aussagen, die schnell abstrakt und leicht verformt werden können. Doch paradoxerweise gibt uns dies Klarheit und die Objektivität, nach der wir uns so sehnen. Es fordert uns durch die hässlichen und die schönen Teile heraus – selbst dann, wenn «zu nett» ein Problem ist.

Zum Autor:
Rene Breuel ist Gründer und Pastor der Chiesa Evangelica San Lorenzo in Rom, Italien und Autor des Buches The Paradox of Happiness. Daneben ist er Redaktor von «Wondering Fair», einer Gemeinschaft von Autoren, die in einem Blog über Kultur und Glauben schreiben.

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