Das schlechte Gewissen – «Ich lese zu wenig in der Bibel»

Schon wieder keine Zeit fürs Bibellesen gehabt... Viele Christen plagt das schlechte Gewissen, wenn sie nicht regelmässig den «religiösen Pflichten» nachkommen. Das sei schade und zudem völlig unnötig, findet Coach und Berater Tobias Illig.
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Mann am Bibel lesen

Hand aufs Herz. Welcher gut gläubige und bibelfeste Christ würde von sich behaupten, er liest zu viel in der Bibel, er betet zu viel oder evangelisiert zu viel? Es ist doch eher das Gegenteil der Fall: Wir fühlen uns schlecht, weil wir zu wenig Bibel lesen, zu wenig beten und zu wenig evangelisieren. Das wird dann noch mit Versen aus dem Alten Testament garniert, wo es um den «treuen Knecht» oder den armen Sünder geht, der nichts wert ist.

Leistungsdenken ablegen

Was für ein Menschenbild und was für eine Sünde! Nichts gegen Niedergeschlagenheit und echte Betroffenheit, wenn jemand seine Schuld einsieht. Was für eine Übertreibung aber, wenn die Person gar nicht mehr rauskommt aus Selbstanklage, Selbstabwertung und Kleinmacherei. So auch bei all dem Leistungsdenken und Leistungsanspruch, den Christen sich selbst und ihren Gemeinden auferlegen. «Du musst mehr beten!», «Du musst mehr Bibel lesen!» oder «Du musst mehr vertrauen!».

Fast schon meint man, die Freunde Hiobs auf den Schultern sitzen zu haben, die einem ihre wohlgemeinten, aber fehlgeleiteten Tipps ins Ohr flüstern. Das schlechte Gewissen regt sich, man ist ja tatsächlich ein schlechter Mensch und erlösungsbedürftig. Wie bedrückend diese Botschaft doch ist. Und wie sie auch in Gemeinden manipulativ missbraucht wird, um Menschen klein zu halten – wie im Ablasshandel des Mittelalters.

Aus der Liebe heraus leben

Die Wahrheit ist aber eine andere: Gott liebt uns abgöttisch. Er kann nicht genug von uns kriegen. Er ist stolz auf uns, er liebt uns, er gibt alles für uns. Er kennt unsere Wünsche, Bedürfnisse und Absichten. Niemand versteht uns besser als er. Niemand kennt unsere Kämpfe und Erfolge besser. Und seine Botschaft lautet klipp und klar: «Du bist mein geliebtes Kind!»

Glauben wir das? Glauben wir, dass wir in einer solchen Atmosphäre der Gemeinschaft mit Gott tatsächlich genau richtig (!) Bibel lesen, genau richtig (!) beten, genau richtig (!) evangelisieren? Es gibt keinen Grund, uns dann selbst ein schlechtes Gewissen einzureden. Gott weiss das alles.

Ansprüche runterschrauben

Vielmehr ist es doch so, dass wir auch mal darauf achten sollten, wie wir massvoll mit unseren Ansprüchen umgehen – den scheinbaren Ansprüchen anderer (Gemeindeleiter, Bibelkreis, etc.), die wir für besser und reifer erachten. Wir machen uns doch selbst klein, wenn wir uns mit Idolen vergleichen, die wir auf einen unerreichbaren Sockel setzen. Das grenzt fast schon an Götzendienst und es wird total übersehen und systematisch ausgeblendet, dass diese «Heiligen» genauso ihre Charakterschwächen und Sünden im Leben haben.

Wir tun also gut daran, diese Idole und überzogenen Ansprüche vom Sockel zu stossen und Jesus den Thron einnehmen zu lassen. Jesus verurteilt nicht. Er lädt uns ein, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Seine Grundhaltung zu mir ist eine liebevolle, selbstaufopfernde, ermutigende. Jesus sieht Potenzial, das Menschen selbst nicht sehen («Petrus, du wirst der Fels sein, auf den ich meine Gemeinde baue»).

«Du bist genug»

Warum glauben wir Jesus nicht, dass er zufrieden mit uns ist, dass wir alles richtig machen, dass wir gut sind. Dann kommt wieder die kritische Stimme aus dem Off: «Nein, bist du nicht. Du liest zu wenig, du betest zu wenig, du evangelisierst zu wenig.» Klar, der Hahn kräht dreimal und zeigt Petrus sein Versagen auf. Aber das lässt sich korrigieren. Auf ihn hat Jesus seine Gemeinde gebaut.

Was hat Jesus mit Ihnen vor? Denken und beten Sie nach vorne. Das Leben wird nicht in der Rückschau gelebt. Sie sind ok, Sie machen vieles richtig. Vielleicht müssen Sie es einmal aufschreiben, damit Sie es wirklich glauben. Vielleicht brauchen Sie aber auch nur ein paar liebe Geschwister, die Ihnen mal etwas Positives, Wertschätzendes über Ihre Person mitteilen. Dann glauben Sie es vielleicht selbst irgendwann.

Zum Autor

Tobias Illig ist Coach, Berater und Organisationsentwickler. Er berät Menschen und hilft Teams, besser zusammenzuarbeiten, in ihren Stärken selbstbewusst zu wachsen und sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Ehrenamtlich ist er im Vorstand der deutschen Navigatoren deutschen Navigatoren und engagiert sich im eigenen Hauskreis. Tobias ist verheiratet und hat vier Kinder.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine Neuauflage. Er erschien bereits im Januar 2017.

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