Das fehlende Wörtchen – Hat Gott «mich» vergessen?

Jeden Sonntag beten Christen in aller Welt das Gebet durch, das Jesus selbst entworfen hat, das «Unser Vater». Aber Moment mal: Ein wichtiges Wort fehlt in diesem Gebet total. Ist das ein Missgeschick oder eine Hilfe zum Glauben?

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Mann betet in der Kirche

Das Wörtchen, das bei heutigen Gebeten am meisten vorkommt, suchen wir im «Unser Vater» vergeblich: «Ich». Wir sind es gewohnt, in der Ich-Form zu reden, wenn wir beten. Das ist natürlich nicht falsch; Gott ist ein persönlicher Gott und will, dass wir ihn als Vater erleben. Wir sollten Gott persönlich kennen, ich und meine Welt sind Gott wichtig. Aber Jesus lehrte uns kein «Mein Vater», sondern das «Unser Vater». Zufall? Wohl kaum.

Individualismus

«Ich, mich, meiner, mir – Segne, Herr, uns alle vier» – dieses parodistische Gebet liegt ja gar nicht so sehr daneben. Noch einmal: Sicher dürfen und sollen wir unsere ganz persönlichen Anliegen und Fragen und Probleme vor Gott bringen. Diese Beschränkung auf das «Ich» kann aber zum grossen Problem werden – wenn Gebet nämlich nur noch ein Ausdruck der eigenen Seele und Gefühle ist und man sich quasi mit seinem Inneren um sich selbst dreht. Dann folgt auch das Gebet der Berg- und Talbahn von «Ich und Meine Emotionen». Meine Gefühle kennt sonst niemand, ich bin einzigartig, einmalig – und jetzt? Individualismus ist wohl das Kennzeichen unserer Zeit – und kann sehr einsam machen.

«Unser» Vater

Mit dieser Anrede stellt Jesus uns von Anfang an in ein Volk: Es ist das gemeinsame Gebet aller Kinder Gottes. Wir sollten – neben unserem persönlichen Gebet – gemeinsam beten und damit erfahren: Wir sind aufgehoben und geschützt in einer Gemeinschaft. Gott will ein Volk. Gott will nicht, dass Sie allein sind. Links und rechts sind Brüder und Schwestern, die mit Ihnen beten. Und mit denen Sie auch reden sollen und die Ihnen auch helfen. Vielleicht merken Sie dann: So allein bin ich mit meinen Gefühlen gar nicht.

Dein Reich

Und dieses Volk ist nicht zufällig hier, sondern betet und arbeitet dafür, dass «dein Reich komme». Auch damit bekommen wir eine grosse Hilfe, die unsere persönlichen Probleme einschliesst, aber weit übergreift. Bevor es um unser tägliches Brot geht, geht es um Gottes Reich und seinen Willen. Der Horizont wird aufgerissen. Ich bin wichtig, aber ich bin nicht alles. Wenn ich mich selbst im grossen Horizont seines Reiches sehe, werde ich zurechtgerückt. Das kann sehr helfen.

Christsein ist persönlich – und mehr. Das Volk Gottes und das Reich Gottes umgeben uns. Ich bin nicht allein. Darum beten Christen das «Unser Vater» so gern – oft jeden Sonntag, das ganze Jahr durch.

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