Auffahren wie Adler – Gottes Kraft für den Alltag

«Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft…» ist einer der klassischen Segenswünsche auf unzähligen Grusskarten. Völlig zu recht ist der Bibelvers aus dem Buch Jesaja weit verbreitet und gut bekannt. Doch was ist dran an dieser Zusage?
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Adler

«Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft…» ist einer der klassischen Segenswünsche auf unzähligen Grusskarten. Völlig zu recht ist der Bibelvers aus dem Buch Jesaja weit verbreitet und gut bekannt. Doch was ist dran an dieser Zusage? In welchem Zusammenhang steht sie? Wem gilt sie wirklich? Ist sie an Bedingungen geknüpft? Persönlich gefragt: Wie erlebe ich Gottes Kraft in meinem Alltag?

Über Gottes Kraft im Allgemeinen oder im Speziellen lässt sich hervorragend reden. Doch das Theoretische reicht mir nicht. Manchmal scheint Gott so weit entfernt. Manchmal habe ich den Eindruck, ich fahre innerlich längst «auf Reserve», fühle mich kraftlos und leer. Und so etwas wie eine «Tankstelle» ist nicht in Sicht. Manchmal bin ich wie ein ABC-Schütze, der seinen Glauben immer noch stotternd buchstabiert, obwohl ich doch längst fliessend lesen sollte… Sprich: Immer wieder merke ich, dass ich die Kraft Gottes wirklich brauche, von der Jesaja erzählt: «Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden» (Jesaja, Kapitel 40, Vers 31).

Trost zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Jesaja macht den Israeliten sein tröstliches Angebot zu einer Zeit, in der sie sich am absoluten Tiefpunkt ihrer Geschichte befinden. 39 Kapitel lang hat ihnen der Prophet einen Spiegel vorgehalten und sie zur Umkehr gerufen. Vergeblich. Er hat ihnen Gottes Gericht angekündigt, davon gesprochen, dass Feinde sie besiegen und in die Gefangenschaft führen würden. Und schliesslich ist genau das eingetroffen. 597 v.Chr. wird Jerusalem erobert und das Volk grossteils nach Babylon verschleppt. Es kommt nicht wirklich hinter Gitter, doch ein Leben in der Fremde, irgendwo zwischen Gastarbeiter- und Sklavendasein, hat keine grosse Perspektive.

Genau an dieser Stelle ändert Jesaja in seinem Buch den Tonfall. Da ist keine Rede von: «Ich hab's euch doch gesagt…» Stattdessen ermutigt und tröstet er sein Volk und spricht ihnen Gottes Rettung zu. Als alles zu Ende scheint, unterstreicht Jesaja, dass es doch noch nicht das Ende ist. Sein «Tröstet, tröstet mein Volk!» (Vers 1) ist wie ein vorgezogener Beginn des Neuen Testaments, des Evangeliums, der guten Nachricht.

Gott aus den Augen verloren

Gottes Trost erschöpft sich dabei nicht in einem schulterklopfenden «Es ist alles gut!» Aber er stellt für Israel (und uns) klar: «Ich bin bei dir. Ich bleibe bei dir. Du hast Zukunft.» Als Basis für diesen Trost malt Jesaja ein Bild, aber noch nicht das des Adlers. Er stellt vielmehr Gott vor, wie er ist. Denn das Problem ist nicht, dass Gott seine Leute vergessen hat. Vielmehr haben sie ihn aus den Augen verloren. So beginnt Jesaja 40 mit einer Vorstellung Gottes als Herr und König (Vers 10), als Hirte (Vers 11) und als der Unergründliche (ab Vers 12). Erstaunlicherweise ist es gerade dieses Geheimnisvolle, was Kraft zum Trösten hat. Das erlebt schon Hiob, dem sich Gott nach den fehlgeschlagenen Trostversuchen seiner Freunde ähnlich vorstellt wie hier bei Jesaja. Und obwohl Gott nichts erklärt, weiss Hiob doch hinterher: «Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer» (Hiob, Kapitel 42, Vers 2).

Das Volk Israel hat sich damals Götzenbilder gebaut, die es trösten sollten. Doch Jesaja stellt klar: Die einen sind zwar aus Gold, aber kraftlos, und bei den anderen aus Holz kann man froh sein, wenn sie nicht wackeln (Vers 19-20). Kraft geben können sie jedenfalls nicht… Heutige Ersatzgötter mögen völlig anders aussehen als damals. Doch die Tendenz ist dieselbe: Wer sich Götter nach seinem Bild schafft, muss sich nicht wundern, wenn sie keine Kraft haben und nicht helfen können. Gott dagegen entfaltet an diesem Schnittpunkt der Bibel, diesem Tiefpunkt der Geschichte kraftvoll sein Programm – und das beginnt mit Trost. Mit seinem Ja zu uns.

Kraft zwischen Geschenk und Geduld

Auf diesem Fundament spricht die Bibel davon, dass wir Kraft bekommen sollen. Doch was ist damit gemeint? Gottes Kraft, mit der er uns hilft? Oder unsere Kraft, mit der wir etwas ändern können? Scheinbar beides. Basis ist in jedem Fall Gott und seine Kraft: «Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt…» (Vers 28). Manchmal greift Gott in seiner Kraft ein und handelt ohne unser Mitwirken. Er hilft. Er trägt. So, wie die Thermik einen Adler auffliegen lässt. Manchmal hilft uns Gott durchzuhalten, selber aktiv zu sein, voranzugehen. Dann schweben wir nicht «über den Dingen», sondern sind Schritt für Schritt unterwegs.

Problematisch wird es nur, wenn ich jetzt meinen Wunschmassstab an diesen Vers anlege. Denn der ist eindeutig: Ich will lieber getragen vom Aufwind fliegen als mühevoll und langsam vorwärtszukommen. Doch was ist, wenn Gott scheinbar nicht übernatürlich eingreift und keine «Kraft zum Fliegen» schenkt. Glaube ich dann nicht genug? Vorsicht: Wie ich im Leben vorankomme – von Gottes Aufwind getragen oder aus seiner Kraft Schritt für Schritt –, das ist Gottes Sache. Und es ist unabhängig von der Stärke meines Glaubens. Manchmal bekomme ich das Geschenk: 
Wenn es gilt aufzufahren, dann macht Gott das möglich. Und manchmal bekomme ich die Geduld:
 Wenn es gilt, ausdauernd voranzugehen, dann kann ich das tun.

Ein Angebot

Der Adler illustriert diese beiden Seiten der Kraft Gottes. Der König der Lüfte flattert nicht. Wenn er startet, schlägt er ein paarmal mit seinen Flügeln und dann greift ihm die Thermik unter die Fittiche. Jetzt gleitet er und wird dabei getragen. Aber wenn die Thermik nicht da ist? Dann flattert der König der Lüfte immer noch nicht. Dann wartet er entweder auf Aufwinde – oder er läuft. Schritt für Schritt. Mühsam. Nicht besonders majestätisch. Aber er kommt voran.

Gott verspricht nicht nur, bei uns zu bleiben. Er spricht von der Möglichkeit, dass er uns seinen Auftrieb schenkt. Und von der Möglichkeit, dass er uns Kraft für die jeweils nächsten Schritte gibt. Wie bei Israel gilt dieses Angebot auch an den Tiefpunkten unseres Lebens. Und das Beste: Dieses Angebot ist nur von Gottes Grösse abhängig und nicht von der unseres Glaubens.

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