Sprung zu den Löwen – Der schmale Grat zwischen Gott vertrauen und Gott versuchen

Ein junger Chilene wirft sich im Zoo ins Löwengehege – und Gott greift nicht ein. Klar, das ist leichtsinnig und dumm. Doch wirft es eine Frage auf: Wenn wir Gott vertrauen, wirken dann manche Entscheidungen und Taten nicht auch wie Gottesversuchung?
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Der schmale Grat

Ein junger Chilene wirft sich im Zoo ins Löwengehege – und Gott greift nicht ein. Klar, das ist leichtsinnig, Gottesversuchung, völlig unnötig. Doch wirft es eine Frage auf: Wenn wir Gott vertrauen, wirken dann manche Entscheidungen und Taten nicht auch wie Leichtsinn und Gottesversuchung?

Viele Bibelstellen fordern zum vollen Vertrauen Gott gegenüber auf, andere Verse sprechen vom Schutz und der Fürsorge Gottes gegenüber seinen Kindern. Beispielsweise Psalm 91: «Er rettet dich wie einen Vogel aus dem Netz des Vogelfängers, er bewahrt dich vor der tödlichen Pest. […] Selbst wenn Tausend neben dir fallen, gar Zehntausend zu deiner Rechten – dich trifft es nicht! […] Über Löwen und Ottern wirst du hinwegschreiten, starke junge Löwen und Schlangen wirst du zu Boden treten.» (Psalm 91, Verse 3, 7 und 13) Doch was genau bedeutet das für uns, seine Kinder? Sind wir der Gefahr von Krankheiten nicht mehr ausgeliefert? Kann uns niemand etwas anhaben?

Der Sprung zu den Löwen

Ein junger Chilene hat den Vers 13 des zitierten Psalms etwas zu wörtlich genommen. Der 20-Jährige wollte sich das Leben nehmen und erwartete wohl, dass Gott ihn retten würde, wenn das nicht seinem Willen entspräche. Also zerriss Franco Luis Ferrada den Sicherheitszaun des Löwengeheges in einem Zoo in Santiago de Chile und sprang zu den Löwen. Gott hatte ja auch den Propheten Daniel damals in der Löwengrube gerettet… Doch diesmal griff Gott nicht ein. Der junge Mann wurde sofort vom Löwenpärchen gebissen und dabei schwer verletzt. In Sekundenschnelle aktivierte sich ein Sicherheitsprogramm des Zoos, durch das die Löwen letztlich getötet wurden. Dies rettete wohl das Leben von Franco.

Verstand versus Vertrauen

Eine traurige Geschichte, die mich zum Nachdenken bringt. Denn auch wenn wir nicht unbedingt freiwillig zu den Löwen springen würden, so tauchen in unserem Leben doch immer wieder Situationen auf, bei denen wir uns fragen: Soll ich das Risiko eingehen, oder auf der sicheren Seite bleiben? Will Gott, dass ich – wie Petrus – aus dem Boot steige und auf dem Wasser gehe, oder würde ich mit dieser Entscheidung vielmehr Gottes Güte herausfordern? Denn die Bibel sagt ja auch: «Ihr sollt den Herrn, euren Gott, nicht versuchen.» (5. Mose, Kapitel 6, Vers 16) Woher kann man wissen, was in einer konkreten Situation richtig ist? Wie findet man den Weg auf dem schmalen Grat zwischen Gott vertrauen und Gott versuchen?

Gott wünscht sich komplettes Vertrauen

Die Bibel zeigt eines ganz klar: Gott wünscht sich, dass wir ihm voll und ganz, hundertprozentig, vertrauen. Egal, in welcher Situation, egal, was geschehen ist, er möchte, dass wir in ihm den guten Vater sehen und immer mit allem zu ihm kommen. Wir dürfen auf seinen Schutz vertrauen, auf seine Hilfe, auf seine Fürsorge. Doch wir müssen dabei auch wissen, dass sein Schutz, seine Hilfe und seine Fürsorge nicht immer so aussehen, wie wir es vielleicht erwartet hätten. Auch hierin ist wieder Vertrauen gefragt: Statt zu fragen «Wieso jetzt diese Krankheit, wieso Arbeitslosigkeit, wieso diese Schwierigkeiten?» dürfen wir uns entscheiden, zu sagen: «Gott weiss, wieso – und er weiss auch, wie es weitergeht. Auch wenn ich den Ausweg nicht sehe, Gott wird mich dahin führen.»

Entscheidungen und ihre Konsequenzen

Aber auch eine zweite Sache ist recht deutlich: Leichtsinn hat Konsequenzen! Wer etwas macht und dabei seinen Verstand ausschaltet, der wird die Konsequenzen tragen müssen. Man könnte auch sagen: Jede Entscheidung hat Konsequenzen. Wenn wir eine Entscheidung fällen, und uns damit klar gegen Gottes Willen stellen, dann wird das negative Konsequenzen mit sich bringen, ebenso, wenn wir uns für Gottes Willen entscheiden und dies auf lange Sicht hin Segen und Frieden bringt.

Wieso Daniel und nicht Franco?

Was war denn der Unterschied zwischen Daniel und dem jungen Chilenen, abgesehen davon, dass letzterer selbstmordgefährdet war? Während Franco Luis Ferrada Gottes Schutz herausforderte und leichtsinnig, wortwörtlich gedankenlos in den Tod sprang, so hatte Daniel eine risikoreiche Grundsatz-Entscheidung getroffen: Er würde Gott folgen und ihm gehorchen, koste es was es wolle. Dies war sein Motto, seine Motivation. Und genau deshalb rettete Gott ihn von den Löwen: Er belohnte Daniels Treue und sein Vertrauen. War es leichtsinnig gewesen von Daniel, sich gegen den König und dessen Anweisungen zu stellen? Hatte er hier seinen Verstand ausgeschaltet? Nein, ihm war das volle Gewicht seiner Entscheidung und deren Konsequenzen bewusst. Aber er wusste auch: «Wir sollen Gott mehr gehorchen als den Menschen», wie es Petrus und die Apostel Jahrhunderte später ausdrückten (Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 29).

Gott schaut aufs Herz

Der Grat zwischen Gottvertrauen und Leichtsinnigkeit scheint sehr schmal zu sein. Doch ich glaube, dass wir deshalb keine Angst haben müssen. Denn letztlich schaut Gott auf unser Herz: Er sieht die Motivation, weshalb wir eine Entscheidung treffen. Er sieht unser Vertrauen, unseren Wunsch, uns von ganzem Herzen an ihn zu hängen. Und wenn das so ist, dann wird er uns auch nicht hängen lassen. Vielleicht sieht seine Hilfe eben nicht so aus, wie wir es uns erhofft oder gewünscht hatten. Aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, ein Leben im Vertrauen auf den grossen Gott zu leben, der kreativ ist und unser Vertrauen in jedem Fall belohnen wird.

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