Schön, aber nicht automatisch – Das Märchen von der selbst wachsenden Gemeinschaft

Manche Gedanken hören sich so schön an, dass man sie einfach glauben möchte, zum Beispiel, dass tiefe Gemeinschaft ein Geschenk ist oder sich von selbst entwickelt. Leider – oder zum Glück – ist dies ein Märchen.

Manche Gedanken hören sich so schön an, dass man sie einfach glauben möchte, zum Beispiel, dass tiefe Gemeinschaft ein Geschenk ist oder sich von selbst entwickelt. Leider – oder zum Glück – ist dies ein Märchen.

Es war einmal eine Kirchengemeinde, deren Mitglieder hatten sich so lieb, dass die Menschen von weither kamen, um sich daran zu erfreuen. Böse Worte oder schlechte Gedanken kamen hier nicht vor. Wenn die Gemeinde eine Entscheidung treffen musste, war diese immer einstimmig, denn alle waren sich so nah und einig, dass es ihnen gar nicht anders möglich war. Immer wieder kamen neue Menschen von aussen in diese enge Gemeinschaft hinein und wie durch ein Wunder passte jeder dazu. Niemand fühlte sich fremd oder unverstanden. Ihre Gemeinschaft war einfach perfekt, und wenn sie nicht gestorben sind … dann ist das Ganze nur ein Märchen.

Das Problem

Die Schwierigkeiten mit diesem märchenhaft übertriebenen Ansatz beginnen, wenn Menschen sehen, dass ihre Realität anders aussieht, und dann darauf warten, dass sie sich ändert. Der perfekte Partner ist noch nicht in Sicht? Prince Charming wird schon noch kommen. Die beste Freundin verhält sich in letzter Zeit so seltsam? Vielleicht ist die Beziehung zu ihr gar nicht so eng. Die eigene Kirche oder Gemeinde ist momentan eher anstrengend als wohltuend? Da ist es wohl an der Zeit, nach einer anderen Gemeinschaft zu suchen.

In der Märchensprache heisst dies: Der Topf mit Gold befindet sich am Ende des Regenbogens. Irgendwo existiert so etwas wie vollkommene Gemeinschaft – man muss sie nur finden. Im Hinterkopf entsteht dabei der Gedanke, dass Gemeinschaft ein Geschenk ist, von selbst entsteht und wächst; sobald sie mit Arbeit verbunden ist, ist es keine echte Gemeinschaft. Doch dieser Gedanke ist falsch!

Der Einsatz

Natürlich gibt es das, dass man einen Menschen trifft, mit dem man sich sofort versteht. Auch in Kirchengemeinden kommt es vor, dass man sich spontan wohlfühlt und den Eindruck hat: Hier bin ich zu Hause. Wunderbar. Aber das ist nicht das Endstadium, das ist der Anfang. Von hier an beginnt die Arbeit. Ein Paar, das sich liebt, möchte nicht nach 25 Jahren zurückschauen und feststellen, dass sie einmal etwas füreinander empfunden haben. Andauernde Liebe und Gemeinschaft will erarbeitet sein.

Ähnliches gilt für das Zusammenleben als Christen. Die Apostelgeschichte hört nicht auf mit dem bekannten Statement in Kapitel 2, Vers 42: «Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.» Damit beginnt die Geschichte der Gemeinde und ihrer Gemeinschaft erst – und sie geht weiter mit Auseinandersetzungen, Missverständnissen, Kompromissen und immer wieder mit der Entscheidung, trotzdem Gemeinschaft zu leben. Nach einer der frühen Krisen hält Paulus explizit fest: «Und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, reichten Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen gelten, mir und Barnabas die Hand der Gemeinschaft.» (Galater, Kapitel 2, Vers 9) Was für ein passendes Bild.

Das heisst nicht, dass mit ein bisschen Arbeit jede Beziehung zu einer tiefen Freundschaft und jede Gemeinde zu einem wirklichen Zuhause werden kann – manche dysfunktionalen Beziehungen sollte man durchaus beenden oder verlassen. Aber andersherum ist jede funktionierende und gute Gemeinschaft es wert, Arbeit hineinzuinvestieren.

Das Ergebnis

Gemeinschaft ist nichts, was man findet, sondern etwas, das man aufbaut. Sie ist nichts, was man geschenkt bekommt, sondern etwas, das man sich erarbeitet. Ihre Grundlage – gerade in der Kirche – ist das Wissen, dass alle erlebt haben, dass Gott ihnen vergeben hat. Niemand war und niemand ist vollkommen. Und die Gemeinschaft mit Christus trägt jede andere Gemeinschaft zwischen seinen Leuten. Auf dieser Basis arbeiten Christen an ihrem Zusammenleben – die Briefe im Neuen Testament sprechen hierzu eine deutliche Sprache. Voller konkreter Aufforderungen und Ermutigungen laden sie dazu ein, sich gute Gemeinschaft mit anderen Christen zu erarbeiten. Und am Ende all dessen steht Gemeinschaft, keine märchenhafte, vollkommene, aber eine unvollkommene, tiefe und echte, die nicht irgendwann in ferner Zukunft über einen hereinbricht, sondern bereits jetzt erfahrbar ist.

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