Streiten oder Staunen? – Das James-Webb-Teleskop und die Faszination des Weltraums

Gerade liefert das neue James-Webb-Teleskop fantastische Bilder aus dem All. Und während die einen damit den Beweis des Urknalls feiern, sehen andere endlich die Schöpfung als erwiesen an. Dabei könnten beide erst einmal staunen.
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Aufnahme des Sternentstehungsgebiets NGC 3324 im Carinanebel

Gerade liefert das neue James-Webb-Teleskop fantastische Bilder aus dem All. Und während die einen damit den Beweis des Urknalls feiern, sehen andere endlich die Schöpfung als erwiesen an. Dabei könnten beide erst einmal staunen.

Als 1990 das Hubble Weltraumteleskop startete und unvergleichlich gute Bilder liefern sollte, zeigte sich zunächst, dass der Spiegel des Teleskops falsch geschliffen war. So lieferte es erst gute Bilder, nachdem die NASA ihm eine «Brille» verpasst hatte. Doch im Dezember 2021 bekam das bekannteste Fernrohr der Welt einen Nachfolger: das James-Webb-Teleskop.

Über sechs Tonnen schwer schwebt es jenseits des Mondes, am sogenannten Lagrange Punkt L2, ungefähr 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Und nach mehreren Monaten Ausrichtung und Kalibrierung hat es Ende Juni seine wissenschaftliche Arbeit aufgenommen. Weil das Teleskop seinen Standort leichter erreichte als gedacht, hat es noch erhebliche Treibstoffreserven, um immer wieder in Position gebracht zu werden. Statt der ursprünglich geplanten zehn soll es jetzt um die 20 Jahre lang Bilder an die Erde senden.

Was betrachtet das Teleskop eigentlich?

Das neue Weltraumteleskop hat nicht viel mit einem Blick durch den Feldstecher zu tun. Es wertet nicht in erster Linie fürs menschliche Auge sichtbares Licht aus, sondern eher Infrarotstrahlung. Dass daraus dann faszinierende und sehr bunte Fotos werden, die fast gemäldeartig wirken, liegt daran, dass den unterschiedlichen Stoffen und Wärmequellen am Computer verschiedene Farben zugewiesen werden.

Wie immer bei solchen Projekten geht die Erwartungshaltung darüber, was das Ergebnis der Mission sein soll, weit auseinander. Sie wird Aufschluss geben über die Geschichte des Universums, weil jeder einzelne Blick in Gegenden, die Lichtjahre entfernt sind, einer in die Vergangenheit ist. Sie wird vieles über die Zusammensetzung von Sternen und Planeten an den Tag bringen. Durch den 100-fach stärkeren Fokus als bisher können Details dargestellt werden, die bislang noch unbekannt sind. Klar ist: Die Datenmengen, die das James-Webb-Teleskop zur Erde funkt, werden Tausende von Wissenschaftlern die nächsten Jahrzehnte beschäftigen. Es ist eben nicht so, dass dieses eine Foto zur Erde gefunkt wird, auf dem man sofort erkennt, dass dort ein Planet liegt, auf dem ein Ausserirdischer erkennbar winkt.

Klar, das ist etwas platt dargestellt, aber die Erwartungen gehen oft in genau diese Richtung. Das Teleskop ist im All, schiesst ein Bild und die Frage ist: Was schliessen wir daraus? Gerade weil die Bilder so fantastisch und detailreich sind, wird ihre eigentliche Auswertung länger dauern. Und bis dahin werden wir in schöner Regelmässigkeit hören, dass jetzt der Durchbruch geschehen sei und endlich das bewiesen wäre, was man selbst immer schon erwartete…

Was für Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?

Eigentlich ist dieses Ziehen von Schlussfolgerungen völlig normal. So ticken wir Menschen – und so funktioniert Wissenschaft, aber auch Glaube. Konkret: Wer etwas sieht, bemüht sich, es in seinen Verstehenshorizont einzubauen.

Genau deshalb kommt es dazu, dass die einen beim Bewerten von Bildern, wie sie das neue Teleskop liefert, begeistert davon sprechen werden, dass der Urknall und das zufällige Entstehen des Universums jetzt endlich bewiesen wären – so ähnlich, wie sie es bereits an vielen Stellen taten. Andere werden sich zurücklehnen und wie der Astrophysiker und Christ Norbert Pailer resümieren: «Es sollte uns nicht überraschen, wenn wir auf die Erkenntnis stossen, dass das Universum – die unbelebte Materie gleichermassen wie der Teil der belebten Welt – einfach genial konstruiert ist, und man wird dies nicht nur als schlichte Tatsache hinnehmen. Es muss eine tiefere Erklärungsebene geben.»

Streiten oder staunen?

So weit so wissenschaftlich. Aber wie gehen Christen oder Atheisten, wissenschaftlich gebildete oder mit gesundem Menschenverstand gesegnete Leute damit um, dass andere dasselbe sehen wie sie, aber zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen? Argumente wie «Die Bibel sagt es doch eindeutig, dass Gott die gesamte Welt in nur sechs Tagen schuf» überzeugen keinen einzigen Atheisten. Genauso wenig wie Aussagen wie «Die Natur zeigt deutlich, dass der Glaube an einen übernatürlichen Schöpfer ins Reich der Märchen und Legenden gehört» irgendeinen Christen überzeugt.

An genau diesem Punkt wird es spannend. Wir können uns selbst und unsere eigene Wahrnehmung absolut setzen, den anderen mit seiner Meinung als dumm, atheistisch oder fundamentalistisch beschimpfen: «Er wird es schon noch begreifen, dass ich recht habe!» Aber was wäre, wenn mir die Perspektive des anderen weiterhelfen würde? Was wäre, wenn ich zwar einen Teil der Wahrheit erkannt hätte, aber längst nicht alles? Was wäre, wenn die Wahrheit irgendwo in der Mitte läge? Was wäre, wenn ich recht hätte, aber den anderen nicht in der Diskussion besiegen wollte, sondern als Freund gewinnen?

Ich

Wenn ich spät abends bei klarer Sicht ohne jede Weltraumteleskop-Verstärkung in die Milchstrasse schaue, dann staune ich einfach. Ich fühle mich gleichzeitig unendlich klein und erhaben. Ich habe den Eindruck, Gottes Handschrift zu erkennen. Andere sehen «nur» den Grossen Wagen – trotzdem empfinden sie ähnlich. Vielleicht liegt es daran, dass der Blick in den Himmel uns keine Antworten gibt, sondern Fragen stellt. So wie es David in einem seiner Psalmen formulierte: «Wenn ich deinen Himmel betrachte, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du an ihn gedenkst, und der Sohn des Menschen, dass du auf ihn achtest?» (Psalm 8, Vers 4-5)

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