Wer mit Menschen zu tun hat, denen es überhaupt nicht gut geht, fragt sich oft: Kann ich etwas tun? Beten – also das Ganze an Gott weitergeben, der wirklich helfen kann – scheint da eine gute Lösung zu sein. Ist es auch. Aber das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit äussert sich leicht in zu grosser Zurückhaltung oder noch grösserem Redefluss.
«Bekennt einander die Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet! Das Gebet eines Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist», empfiehlt Jakobus in seinem Brief (Kapitel 5, Vers 16). Das hört sich nicht besonders schwer an – und ist in der Praxis trotzdem nicht so einfach. Wann soll man mit anderen beten? Wie macht man ihre Anliegen zum eigenen Anliegen? Was kann falsch laufen?
Jamie Aten und Kent Annan leiten das «Humanitarian Disaster Institute» am amerikanischen Wheaton College. Sie veröffentlichen regelmässig Artikel zu seelsorgerlichen Fragen. Zum Beten mit Bedrückten empfehlen sie ganz praktisch:
Um Leitung beten
Zunächst befürworten Aten und Annan, still zu beten, und dabei Gott die ganze Situation und den anderen anzuempfehlen. Es ist dabei sinnvoll, nicht nur an Hoffnung und Heilung für den Betroffenen zu denken, sondern auch daran, dass Gott das eigene Denken und Handeln leitet.
Sensibel sein
Nicht jeder glaubt an Gott – und nicht jeder glaubt auf die gleiche Weise. Hier ist Sensibilität für die Einstellungen und Erfahrungen des Betroffenen gefragt. Dabei geht es nicht darum, den eigenen Glauben zu verleugnen – im Gegenteil! –, aber die Bedürfnisse und Erwartungen des Gegenübers trotzdem im Blick zu behalten.
Fragen
«Ich würde gern für dich beten. Ist das in Ordnung?», ist eine einfache Frage, und sie drückt Wertschätzung für den betroffenen Menschen aus. Sie macht ihn vom Objekt zum Handelnden. Und das geht damit weiter, dass das Gebet kurz besprochen wird: Handauflegung? Wer betet? Was sind die Erwartungen dabei?
Niemand sollte in ein Gebet hineingezwungen werden – allerdings haben die wenigsten Menschen etwas dagegen, dass für sie gebetet wird. Vor allem, wenn es auf eine so transparente Art geschieht.
Nachfragen
Wenn die Person dem Gebet zugestimmt hat, kann man noch einmal nachfragen: «Wofür soll ich beten? Hast du ein besonderes Anliegen?» Manchmal scheint das Anliegen offensichtlich zu sein, doch der erste Eindruck kann täuschen. Das Nachfragen ermöglicht es dem Gegenüber, auch tiefere Ebenen anzusprechen, die über das Augenscheinliche hinausgehen.
Von Herzen beten
Oft fehlen einem in solchen Gebetssituationen die Worte. Da ist es kein Problem zu sagen: «Gott, mir fehlen die Worte. Ich weiss nicht, was ich bitten soll. Aber ich komme trotzdem zu dir…» Gott muss nicht durch Redegewandtheit überzeugt werden – und das Gegenüber auch nicht. Ein einfaches Gebet ist völlig in Ordnung.
Nicht predigen
Durch die eigene Hilflosigkeit lassen sich Betende oft verleiten, im Gebet eher ihr Gegenüber anzusprechen als Gott. «Herr, zeige meiner lieben Schwester, dass sie…» geht gar nicht. Wer dem anderen etwas sagen möchte, kann das vor oder nach dem Gebet tun. Während des Betens ist Gott im Fokus – und nur er. Dieses gemeinsame Ausrichten auf den gegenwärtigen, allmächtigen Gott ist übrigens hilfreicher als jede integrierte Mini-Predigt.
Zweifel sind normal
Wer Angst vor einer Covid-Infektion hat, vor dem Bankrott steht oder seine Ehe den Bach runtergehen sieht, dem fehlen oft die Worte und manchmal auch der Glaube. Da kann es hilfreich sein, nicht vom anderen zu erwarten, dass er selbst betet, sondern ihn mitzutragen und sein Anliegen vor Gott zu bringen – gemeinsam und auch später allein.
Einfacher als gedacht …
Ist dieses Beten für andere wirklich schwierig? Eigentlich nicht. Das Problem ist höchstens, dass einem dabei die eigene Erwartungshaltung im Wege steht. Denn Beten ist nicht kompliziert. So unterstreichen Jamie Aten und Kent Annan zum Schluss: «Gott sei Dank hört Gott unsere Gebete und die Herzen der Trauernden, unabhängig davon, wie wir beten oder was wir sagen.»







