In der Stille – Auf Gottes Rat warten

Im Leben jedes Christen gibt es Zeiten des Wartens, auf Gottes Stimme, auf Antworten, auf Weisung. In der Mini-Serie von Autor Andrew Murray geht es heute um die Frage: Wartest du in Schwierigkeiten auf Gottes Rat oder handelst du eigenständig?
Unsplash / Ümit Bulut
In der Stille auf Gottes Rat warten

Psalm 106, Vers 13 ist ein kurzer und sehr nüchterner Vers: «Aber sie vergassen seine Werke bald; sie warteten nicht auf seinen Rat.» Das Besondere an diesem Bibelwort liegt in der schlichten und nüchternen Diagnose, an der es nichts zu deuteln gibt.

Der Vers ist einem Geschichts-Psalm entnommen. Die Beter blicken zurück darauf, was Gott getan hat. Er hat seinem Volk durch viele Wunder geholfen und war darauf vorbereitet, diese Art zu helfen fortzusetzen. Doch als eine Notlage entstand, warteten Gottes Leute nicht auf seinen Rat. Die Erinnerung an frühere Hilfe hatte kein Gewicht mehr. Man fragte nicht nach Gottes Plänen, sondern folgte eigenen Überlegungen – und forderte ihn so mit ihrem Unglauben heraus.

Dieses Muster setzte sich fort. Schon früher vertrauten sie Gott nicht für die Versorgung mit Wasser, nachdem er sie doch mit Brot hatte versorgen können. Auch später entstand Schaden, als sie nicht auf Gott warten wollten:

Herausforderung für die Gemeinde

Die Gefahr der Ungeduld droht nicht nur jedem einzelnen Nachfolger Gottes, sondern auch der Gemeinschaft von Gottes Volk insgesamt – auch der Gemeinde heute. Wir sind berufen, Gottes Willen zu tun, und Gott hat versprochen, uns seinen Willen zu zeigen: Sein Geist wird uns in alle Wahrheit führen (Johannes Kapitel 16, Vers 13). Daher sollte sein Rat die Leitlinie für all unsere Gedanken und unser Handeln sein. Das muss sich auch auswirken auf unsere Gottesdienste, Zusammenkünfte, Gebetsversammlungen, Mitarbeitersitzungen, Leitungsgremien, Komitees, Vorbereitungstreffen.

Hier sollte unser erstes Ziel immer sein, Gottes Gedanken kennenzulernen. Er bewirkt das, was er sich selbst vorgenommen hat. Je besser wir also seine Absicht verstehen, desto mehr können wir erwarten, dass Gott sein Werk für uns und durch uns tun wird.

Allerdings besteht im «Betrieb» der Kirche oder Gemeinde immer die Gefahr, dass wir uns anderweitig orientieren und unser Vertrauen auf andere Faktoren setzen: auf…

  • unseren Besitz der Bibel,
  • frühere Erfahrungen mit Gottes Führung,
  • unser fundiertes Glaubensbekenntnis,
  • unseren eigenen aufrichtigen Wunsch, Gottes Willen zu tun.

So kann es dazu kommen, dass wir nicht merken, wie wir bei jedem Schritt himmlische Führung brauchen und bekommen können. Vielleicht gibt es Elemente in Gottes Willen, die wir noch gar nicht kennengelernt haben:

  • bestimmte Anwendungsweisen von Gottes Wort,
  • Erfahrungen von Gottes unmittelbarer Gegenwart,
  • Möglichkeiten der Führung Gottes,
  • Kraftwirkungen seines Geistes.

Hier will Gott uns eine Fülle eröffnen, wenn wir unserem Weg ihm ganz überlassen und geduldig darauf warten, dass er ihn aufzeigt.

Falscher Blick zurück

Wenn wir zusammenkommen und Gott für alles loben, was er früher getan und gegeben hat, dann begrenzen wir ihn möglicherweise, weil wir keine grösseren Dinge erwarten. So war es bei Mose: Er konnte dem Volk einmal Wasser schenken, indem er mit dem Stab auf den Felsen schlug, doch bei einer anderen Gelegenheit war das nicht die Methode, die Gott anwenden wollte – und Mose wählte sie doch (2. Mose Kapitel 17, Verse 5-7; 4. Mose Kapitel 20, Verse 7-13). Ähnlich bei Josua: Der Sieg über Jericho war für ihn ein Erfahrungswert, sodass er den Sieg über die Stadt Ai auch schon für sicher hielt. Wenn wir meinen, wir würden Gottes Macht schon kennen und wir wüssten, was wir erwarten dürfen, dann beschränken wir Gott vielleicht, weil wir ihm keine Zeit einräumen und weil wir keine Gewohnheit entwickelt haben, auf seinen Rat zu warten.

Im Neuen Testament finden wir eine Schlüsselsituation. Der Hauptmann Kornelius war mit seiner Hausgemeinschaft von Gott angesprochen worden. Sie erlebten, dass während einer Predigt von Petrus dann der Heilige Geist über sie kam. Warum gerade hier und gerade jetzt? Weil sie vorher bereit waren zu hören: «Nun haben wir uns hier vor Gott versammelt, um all das zu hören, was der Herr dir aufgetragen hat» (Apostelgeschichte Kapitel 10, Vers 33). Beachten wir: Sie haben sich vor Gott versammelt und wollten das vom Herrn Vorbereitete hören!

Gottes Rat hören

In unseren Gottesdiensten oder Treffen ist noch nicht alles getan, wenn wir nur die Auslegung von Gottes Wort hören. Daraus ziehen wir nur dann Nutzen, wenn wir dabei auch auf Gottes Rat warten. Wir müssen dem Heilen Geist vertrauen, der unser Leiter und Lehrer ist. Warten wir auf Gott, dann führt uns sein Geist zu den Dingen, die Gott vorbereitet hat und die unsere Erwartungen übertreffen können.

Und daraus folgt eine besondere Verantwortung für alle, die in Kirche und Gemeinde Leitungsaufgaben haben. Es gilt, die bisher bewährten Methoden und Erfahrungen nicht absolut zu setzen. Stille muss ein wesentliches Element in Gottesdiensten und Sitzungen sein.

Zur Miniserie:
Veränderung im Gebetsleben: Warten, dass Gott uns versorgt
Wenn zwei Blicke sich begegnen: Warten unter seinem Blick

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