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Tamara Boppart

Tamara Boppart – Wo wohnt das gute Leben?

Ein gelber VW-Käfer und ein Haus am See gehörten nach Tamara Bopparts jugendlicher Vorstellung zu einem guten Leben. Bei ihrer Bilanz zwanzig Jahre später spielen geteilte Räume und Gemeinschaft allerdings eine viel wichtigere Rolle.

Ein gelber VW-Käfer und ein Haus am See gehörten nach Tamara Bopparts jugendlicher Vorstellung zu einem guten Leben. Bei ihrer Bilanz zwanzig Jahre später spielen geteilte Räume und Gemeinschaft allerdings eine viel wichtigere Rolle.

Irgendwo in den Tagebüchern meiner Teenagerjahre ist eine Liste zu finden: Die Vorstellung einer Vierzehnjährigen vom guten Leben in neun Punkte verpackt. Da gehörte ein gelber VW Käfer, ein Ehemann, der die zwölf Punkte erfüllt, die auf einer zusätzlichen Liste festgehalten wurden, und das Haus am See dazu. Eine Villa Kunterbunt, ein offenes Haus sollte es sein – gefüllt mit viel Leben, Kreativität und sozialem Engagement.

Über zwanzig Jahre später ziehe ich Bilanz. 1. Der VW Käfer war nie. Mit dem Erwachsenwerden wurde für mich schnell klar: Autos müssen praktisch sein. Mit vier Kindern zwischen fünf und zehn Jahren heisst das für uns: Minivan, Schiebetüren und das Ganze in der Farbe, die beim Kauf am günstigsten war. 2. Ist da tatsächlich ein Mann und die Erkenntnis, dass es während fast zwei Ehejahrzehnten weniger um einen Zwölf-Punkte-Wunschkatalog, sondern vielmehr um gemeinsames Werden geht. 3. Haus: Ja. See: Nein. (Der Schweizer Bauquadratmeter ist auch ohne Seeanbindung teuer genug.) Viel Leben und kreatives Schaffen: Ja. Engagement für sozial benachteiligte Menschen: Nein.

Blutig mutiger Anfang

Vor dem Hintergrund zunehmender Individualisierung und mit einem generellen Hang zum Unkonventionellen war für mich nach Baby Nummer zwei schnell klar, dass es Kleinfamilie und Einfamilienhaus mit Thujahecke nicht werden sollte. Zu normativ und eng. Aber wenn nicht so, wie wollen wir dann sonst wohnen? In dieser Frage gingen mein Mann und ich pragmatisch vor. Wir schnappten uns die besten Freunde, die wir hatten, schrieben uns gemeinschaftliches Leben auf die Fahne, ohne zu wissen, was wir damit genau meinten und scrollten uns durch die Immobilienportale.

Von alternativen Wohnformen und gemeinschaftlichem Leben träumen viele andere auch. Einfach mal damit beginnen, ist wohl noch immer der beste Ratgeber in Sachen Visionen umsetzen. Es führt kein Weg am ersten Schritt vorbei. So zogen wir in ein Haus auf dem Land mit zwei Wohneinheiten. Geburten, Gartenpartys, Gäste, ein grosser Esstisch und kreative Projekte haben das Leben unter unserem gemeinsamen Dach vermehrt. Nach vier Jahren wurde das Haus zu klein für all das und wir fragten uns erneut: Wie wollen wir wohnen? Mehrgenerationenhaus, betreutes Wohnen, urbane Wohngenossenschaften – am Ende waren es doch wieder wir zwei Familien, ein Haus und das Land. Unsere Träume waren riesig, das Budget eher nicht. Weil wir erstere nicht loslassen wollten, lernten wir Wände verputzen und Böden verlegen. Unter unserem Dach leben vier Erwachsene und acht Kinder. Zwei getrennte Wohneinheiten und Räume zur gemeinsamen Nutzung. Die beiden Wohnzimmer verbindet eine Durchgangstür.

Räume inspirieren mich. Und das nicht nur aufgrund von Ästhetik, sondern immer auch aufgrund von Möglichkeiten und der Geschichten, die darin erzählt werden könnten. Homeoffice, Musik machen, Gemüse anbauen, Gäste, Filme schauen, Bücher schreiben, sich verstecken, choreografieren, Feste feiern, gemeinsam essen, wachsen – da ist Platz für unser pralles Leben.

Allein ist Trend

Mit unserer Wohnform liegen wir völlig neben dem Durchschnitt. Seit 1991 stieg laut Statistischem Bundesamt in Deutschland die Zahl der Einpersonenhaushalte um 46 Prozent. Die Zahl der Haushalte mit drei oder mehr Personen, ob nun Familie oder Wohngemeinschaft, habe dagegen im gleichen Zeitraum um zwanzig Prozent abgenommen. In der Schweiz lebt rund ein Drittel der Bevölkerung allein. Der Wohnraum in Grossstädten ist knapp, es werden intelligente Lösungen des verdichteten Wohnens gesucht, Co-Living mit winzigen Einheiten.

Wohnen ist immer auch Abbildung der gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen einer Zeit und damit stets im Wandel. Das als neutrale, statistische Tatsache zu betrachten, fällt mir schwer. Waren wir je so oft allein wie heute? Ist das nicht entgegen der Machart des Menschen? Zeigt uns nicht gerade ein Jahr wie 2020, was passiert, wenn uns der soziale Kitt, die Bindekraft, die in unseren Begegnungen und unserem Miteinander steckt, abhandenkommt?

Wir-Sehnsucht

Es liegt ein Schatz darin, seine Lebenswelt weder alleine geniessen noch verantworten zu müssen, sondern zusammen mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein. Miteinander zu tun haben und sich zutiefst zugehörig fühlen, gehört zu den urmenschlichsten Bedürfnissen. Wir suchen wohl alle einen Platz, an dem man sich verständlich machen kann, ohne viel sagen zu müssen. An dem man gesehen wird, ohne sich ständig bemerkbar machen zu müssen. Einen Platz, an dem das, was man ist und was man tut, etwas bedeutet – ungeachtet dessen, was man ist und tut.

Dieses Verständnis von Gemeinschaft funktioniert nun mal nicht anonym. Und auch eher schlecht in proportionierten, kleinen Wohneinheiten und voneinander abgetrennten Leben.

Preisvergleich

Auf dem Weg zu echtem Miteinander stolpern wir allerdings über unsere eigene Beziehungsbequemlichkeit. Warum bewusst Nähe und Verletzlichkeit wählen, wenn ich mich in der anonymen Distanz schützen kann? Warum mitwirken und seine Zeit verschenken, wenn ich sie für mich behalten könnte? Warum konfliktreiche Haushaltssysteme wählen, wenn’s auch ohne geht?

Ja, nicht allein zu sein, hat einen Preis. Dass dieser mittunter sehr hoch ausfallen kann, weiss ich nach acht Jahren gemeinschaftlichen Lebens. Natürlich ist es anstrengend, ständig die Balance zu halten zwischen Geben und Nehmen, zwischen Nähe und Distanz, sich reiben und sich zurückziehen, Verbindlichkeit und Freiraum. Ohne verletzen und verletzt werden, eigene Grenzen kennenlernen und die der anderen ertasten geht’s nicht. Auch die räumliche Unmittelbarkeit, die dünnen Zimmerwände und Glasscheiben, der selbstgewählte Zwang zur Authentizität – da wäre eine Thuja Hecke teilweise durchaus hilfreich. Ab und an frage ich mich schon, warum wir uns das alles antun.

Miteinander sein

Und doch. Auf die Frage, wie ich wohnen will, habe ich eine Antwort gefunden: in Gemeinschaft. Das macht mein Leben und meinen Glauben um so Vieles reicher, dichter und intensiver. Vier Wände und ich selbst sind mir zu wenig.

Ist es nicht interessant, dass es im Deutschen kein Verb für das gibt, was Freunde tun? Wir können jemanden lieben, aber wir können ihn nicht freunden. Die alten Griechen hatten noch ein Verb: freundschaften. Es beschrieb nicht, was Menschen miteinander tun, zu einem Konzert gehen, Kaffee trinken oder gemeinsam ein Haus bewohnen, sondern die Tätigkeit des Miteinander-Seins. Lass uns Räume für genau das bauen. Physische und andere.

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Zur Autorin: Tamara Boppart ist Texterin, Kreative und als Rednerin unterwegs. Sie arbeitet bei Central Arts, einer Bewegung von Kreativen in der Popkultur und in Kirchen. Zusammen mit einer anderen Familie lebt sie gemeinschaftlich unter einem Dach im Raum Zürich.

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