Wikimedia / Larry Sanger, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de
Larry Sanger

«Du fragst einfach zu viel» – Wikipedia-Mitgründer bekennt sich als Christ

Larry Sanger, der Mitbegründer von Wikipedia, hat sich öffentlich zum Christentum bekannt. In seinem Blog beschreibt der Philosoph und frühere Agnostiker seinen interessanten Weg und warum er sich entschied, Christus nachzufolgen.

«Du stellst einfach zu viele Fragen» wurde ihm schon als Teenager vorgeworfen. Im Jahr 2001 machte Larry Sanger – mittlerweile Doktor der Philosophie – das Fragenstellen zum Beruf und gründete zusammen mit Jimmy Wales die Online-Enzyklopädie Wikipedia, eine der meistgenutzten Webseiten überhaupt.

Endlich dazu stehen

«Es ist endlich an der Zeit, dass ich mich vollständig und öffentlich dazu bekenne und erkläre, dass ich Christ bin», schreibt Sanger am 5. Februar in einem Essay mit dem Titel «Wenn ein skeptischer Philosoph Christ wird». «Wer diesen Blog verfolgt, hat es wahrscheinlich schon geahnt, aber es ist an der Zeit, das jetzt mal klar zu sagen. Ich bin aufgerufen, `in alle Welt zu gehen und das Evangelium jeder Kreatur zu verkünden`. Eine der wirksamsten Methoden, das zu tun, ist, die eigene Bekehrungsgeschichte zu erzählen. Hier ist also meine.»

Vom Kulturchristen zum Agnostiker

Sanger wurde in einen christlichen Haushalt mit lutherischen Eltern hineingeboren. Er erinnert sich: «Mir hat man als Kind immer gesagt, dass ich zu viele Fragen stellen würde.» Mit zwölf Jahren wurde er lutherisch konfirmiert; danach ging er aber nicht mehr in die Kirche und verlor seinen Glauben während seiner Teenagerjahre ganz.

«35 Jahre lang war ich nicht gläubig», schreibt er, «ein Anhänger der Rationalität, des methodischen Skeptizismus und einer etwas hartnäckigen und nüchternen (aber immer aufgeschlossenen) Strenge.» Sein soziales Umfeld, in hohem Masse von seinem Studienfach, der analytischen Philosophie, und seinem Interesse an der Philosophin Ayn Rand bestimmt, war stark atheistisch geprägt. Für ihn selbst waren diejenigen, die an Gott glauben, nur «dogmatische Leute, die nicht sehr neugierig sind und keine Antworten auf harte Fragen haben».

Sanger erklärt, er sei nie «ein Feind des Glaubens» im Sinne des Atheisten Richard Dawkins gewesen; er bezeichnete sich lediglich als «Skeptiker», der beiden Seiten der Gottesdebatte kritisch gegenüberstand. Dawkins und der Philosoph Daniel Dennett waren nach Sangers Einschätzung «krass und widerwärtig», während er den christlichen Apologeten William Lane Craig als «ernsthaft, aber letztlich intellektuell unehrlich» einschätzte.

Ein langsamer Weg

Sangers Bekehrung zum Christentum begann, als seine Einwände gegen den Glauben langsam «einer nach dem anderen» wegfielen. Seine Heirat 2001 und die Geburt seines ersten Kindes fünf Jahre später veränderten sein Verständnis von Ethik. Er stellte atheistische Positionen in Frage, zum Beispiel die, dass all unser Tun letztlich aus «Eigeninteresse» geschieht: «Wenn ich bereit bin, für meine Frau und meine Kinder zu sterben, würde ich dann überhaupt in meinem eigenen Interesse handeln?»

Gleichzeitig beeindruckte in das Verhalten der Christen: «Ich beobachtete, dass sich Christen in den sozialen Medien oft (wenn auch nicht immer) mit Reife und Gnade verhielten, während ihre Kritiker sich oft wie widerwärtige Trolle benahmen», sagte er. Obwohl er sich selbst immer noch als Agnostiker betrachtete, führte sein Respekt vor christlichen Philosophen und ihren Argumenten dazu, dass er den Glauben an die Existenz Gottes für «zumindest rational» hielt.

Gelegentlich las er seinen Kindern biblische Geschichten vor: «Ich dachte, da ist ja nichts besonders Tiefes dabei, diese Geschichten zu verstehen.» Aber beim Nachdenken über unsere Kultur merkte er, dass der Rückgang des Glaubens «selbst für mich als Nichtgläubigen ein wirklich tiefer Verlust war». 2017 begann er, philosophische Essays über Gott, Gut und Böse zu schreiben und merkte: Der Glaube an Gott war für ihn mittlerweile nicht mehr nur vernünftig oder erträglich, sondern «geradezu sympathisch». Er fühlte sich «dafür erwärmt» und «war dazu gekommen, ihn moralisch zu billigen».

Umkehr

2019 begann Sanger, die Bibel systematischer zu lesen. «Als ich wirklich versuchte, sie zu verstehen, fand ich die Bibel viel interessanter und – zu meinem Schock und meiner Bestürzung – kohärenter, als ich erwartet hatte», erklärt Sanger. Er merkte: «Die Bibel verträgt es, hinterfragt zu werden; ich konnte gar nicht genug Fragen haben, die Bibel hatte Antwort darauf.»

Sein nächster Schritt war, «mit Gott zu sprechen»; die Idee des Betens kannte er seit seiner Kindheit – nun probierte er es zögernd aus. Zu diesem Zeitpunkt hatte er «bereits begonnen, an Gott zu glauben, aber ich war nicht bereit, mir das einzugestehen, und konnte es auch nicht ohne weiteres mit meinen eigenen philosophischen Verpflichtungen vereinbaren». Er prüfte alle philosophischen Argumente für die Existenz Gottes, die er lange kannte, aber «sie nicht vollständig verstanden hatte» und bekannte 2020, er sei «leise und unbehaglich» zu Gott zurückgekehrt: «Ich hatte nie ein überwältigendes Bekehrungserlebnis. Ich habe mich dem Glauben an Gott langsam und widerwillig genähert – mit grossem Interesse, ja, aber voller Verwirrung und Bestürzung», erklärt der Philosoph.

Er begann, die Bibel in einer kleinen Gruppe durchzulesen und nahm theologische Studien auf: «Ich arbeite da jeden Tag dran, und es ist mein schönstes Hobby geworden», bekennt er. In seiner Definition von «Glauben» unterscheidet er deutlich zwischen «Akzeptieren» und «Vertrauen»:  «Vielmehr akzeptiere ich (aus, wie ich meine, recht rationalen Gründen) die gesamte christliche Lehre, wie sie in der Bibel gelehrt wird; aber ich glaube an Gott, das heisst, ich bin loyal zu ihm und seinem Sohn und seinem Heiligen Geist, die eins sind.»

Am Ende des langen, hochinteressanten Blogs formuliert Larry Sanger sein persönliches Glaubensbekenntnis. Hier der letzte Absatz: «Er (Jesus) wird eines Tages leibhaftig zu uns zurückkehren, und ein neuer Himmel und eine neue Erde werden geschaffen. Die Sünde findet ihr Ende und damit werden auch Leid und Tod enden. Das ist unsere grosse Hoffnung, die wir uns vor Augen halten sollten, wenn wir mit unseren Schwierigkeiten hier in diesem Leben konfrontiert werden. Denn jetzt sind wir aufgerufen, ein rechtschaffenes, gottgefälliges Leben zu führen, Gott und unsere Nächsten zu lieben, komme, was wolle, unschuldig wie Tauben und klug wie Schlangen – und alles zu tun, was wir können, um das Reich Gottes voranzubringen.»

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