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Claudia Mehl

Würde, Liebe und Moral – «Jesus war kein Moralist»

Was ist eigentlich Menschenwürde? Und weshalb ist die Liebe das Schlüsselelement für moralische Handeln? Diesen und anderen Fragen spürte Dr. theol. Claudia Mehl viele Jahre lang nach. Jetzt liegt ein Buch vor.

Was ist eigentlich Menschenwürde? Und weshalb ist die Liebe das Schlüsselelement für moralische Handeln? Diesen und anderen Fragen spürte Dr. theol. Claudia Mehl viele Jahre lang nach. Jetzt liegt ein Buch vor.

«Der Begriff Menschenwürde wird heute sehr oft verwendet», sagt Dr. theol. Claudia Mehl. Der Begriff würde inhaltlich aber unterschiedlich gefüllt. «Gegen die Menschenwürde zu verstossen, gilt heute als ein schweres Vergehen. Trotzdem ist es schwer zu erklären, was genau damit gemeint ist.» Während ihrer Studien kam die Theologin zu folgendem Schluss: «Würde, Liebe und Moral sind nicht voneinander zu trennen. Sie gehören zusammen.» Diese Erkenntnis führte zum Titel ihres Buches: «Würde, Liebe und Moral».

Interesse an Fragen rund um Gerechtigkeit und Ethik

Schon als Kind machte sich Claudia Mehl tiefgründige Gedanken. Als neunjährige überlegte sie sich beispielsweise, wie jemand die Hölle verdienen kann und ob es eine solche überhaupt gibt. Ihre kindlichen Vorstellungen hat sie inzwischen hinter sich gelassen, Überlegungen zu Gerechtigkeit und verschiedensten Aspekten der Ethik macht sie sich jedoch auch noch heute, 46 Jahre später.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Klinische Studien in der Onkologie am Universitätsklinikum München-Grosshadern sah sie sich mit elementaren ethischen Fragen konfrontiert. Antworten versprach sie sich von der Theologie, und so begann sie in ihrer Lebensmitte ein Theologiestudium an der Universität Zürich. «Den Fokus legte ich von Anfang an auf die theologische Ethik.» Später, parallel zur Tätigkeit als Gemeindepfarrerin, schrieb sie bis 2019 ihre Dissertation, welche zu ihrem Buch «Würde, Liebe und Moral» führte.

«Jesus war kein Moralist!»

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Buch «Liebe, Würde und Moral»

«Wir brauchen Normen, an die wir uns halten», hält Claudia Mehl fest. «Diese müssen aber immer gefüllt sein mit Liebe und Empathie.» Wer sich nur an die Normen und obersten Gesetzmässigkeiten hält, kann den Mitmenschen nicht in seiner Ganzheit wahrnehmen. Trockene Moralisten laufen Gefahr, den Menschen in seinem jeweiligen Kontext aus dem Blick zu verlieren. «Sie sehen nur einen Teil des Menschen und gehen davon aus, wie er sein soll.» Im Gegensatz dazu, stellt sie die Philosophie der Liebe in den Mittelpunkt, welche sieht, wie der Mensch tatsächlich ist und gleichzeitig Wege aufzeigt, wie er sich zum Guten hin verändern kann.

«Jesus war kein Moralist», hält Mehl fest. «Natürlich zeigte und lehrte er uns, wie wir leben sollen und gab uns Beispiele, wie gutes Leben gelingen kann. Er begegnete den Menschen aber getrieben von seiner Liebe und nicht von der Moral.»

Die Liebe als Schlüsselelement

«In Bezug auf die Ethik ist unsere Gesellschaft heute sehr verstandesbetont. Wir versuchen alles intellektuell zu begründen.» Das sei nicht falsch, letztlich arbeiten Verstand und Emotionen aber immer zusammen. «Erst wenn ich den ganzen Menschen ernst nehme, werde ich seiner Würde gerecht.» Das Wesentliche dabei ist die Liebe. So wählte Mehl folgenden Untertitel für ihr Buch. «Liebe als Schlüsselelement für moralisch motiviertes Handeln.»

Heute wird Moral oft als System wechselseitiger Forderungen verstanden, so quasi ein Regelsystem, welches unser Miteinander koordiniert. «Zu einem gelingenden Miteinander gehört aber mehr  als das Einhalten oberster Moralnormen und Gesetze. Es braucht darüber hinaus Liebe und Empathie, welche als moralische Intuition die Würde in der gelebten Praxis operationalisieren.» So legt Claudia Mehl in ihrem Buch dar, dass Moralnormen unser Mitgefühl enorm begrenzen können.

Wenn beispielsweise beim Tod von Bin Laden, Gaddafi oder Hussein geklatscht und weltweit Freude und Jubel über deren Tod kundgetan wird, vermisst Mehl jegliche Menschlichkeit und die daraus resultierenden Ansprüche auf Menschenwürde. Dagegen lässt sich durchaus moralisch rechtfertigen, wenn Menschen froh sind, dass diese Personen nun kein Übel mehr anrichten können. Denn die Erleichterung richtet sich lediglich gegen die Tat an sich und deren verheerende Folgen für die Gesellschaft, nicht gegen die Person.

Ein Buch zum Nachdenken mit konkreten Beispielen

«Mich schriftlich mit einem Thema zu befassen, tut mir gut. So lerne ich persönlich am meisten. Ich hoffe, dass Leserinnen und Leser ebenfalls einen Nutzen daraus ziehen können.» Claudia Mehls Buch ist kein Ratgeber mit einem 10-Punkte-Plan, der schnelle Lösungen für ein gutes und gelungenes Leben gibt, sondern das Beschäftigen mit einem komplexen Thema. Dabei werden verschiedene Beispiele angeführt, die zeigen, wie gutes Leben gelingen kann. Eines davon handelt von einem todkranken Mädchen, welches ein Organ braucht. Es hat jetzt die Möglichkeit, eine illegale Organspende von einem Waisenkind zu erhalten. Der Vater, der seine Tochter über alles liebt, lehnt ab. Diese Liebe, die der Vater für seine Tochter hat, nährt seinen Sinn für Moral. Er weiss, dass auch das andere Mädchen von jemandem geliebt ist. «Nur zu wissen, dass man keine illegalen Organspenden annehmen darf, ändert einen Menschen nicht. Diese Veränderung geschieht nur durch die Liebe.»

«Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit all deiner Kraft und deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.» (Lukas Kapitel 10, Vers 27). Von diesem Vers lässt sich Claudia Mehl leiten. «Darauf gründet die christliche Ethik. Herz, Seele und Verstand. Emotion und Ratio, das alles gehört zusammen und genau das arbeite ich in meinem Buch heraus.»

Zum Buch:
«Liebe, Würde und Moral» von Claudia Mehl

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