Mit dem Blick aufs Kreuz – Esoterikshop aufgegeben – jetzt führt Julia ein Frauenhaus

Julia Fehr leitet ein Frauenhaus in Rumänien. In diesem kümmert sie sich um Frauen, die der häuslichen Gewalt entkommen sind. Ihr Engagement ist nicht selbstverständlich. Noch vor etwas mehr als zehn Jahren führte sie in St. Gallen ein Esoterik-Shop.

Julia Fehr leitet ein Frauenhaus in Rumänien. In diesem kümmert sie sich mit ihrer Crew um Frauen, die der häuslichen Gewalt entkommen sind. Ihr Engagement ist nicht selbstverständlich. Noch vor etwas mehr als zehn Jahren führte sie in St. Gallen ein Esoterik-Geschäft.Das Frauenhaus «Esther» steht in Mediasch, in einer Kleinstadt, welche drei Nationalitäten beheimatet und in der drei Sprachen gängig sind: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Die in Rumänien geborene, in Ungarn aufgewachsene und in der Schweiz verheiratete Julia spricht alle drei Sprachen perfekt – wodurch sie den verschiedenen Besucherinnen bestmöglich beistehen kann.

Und die Not ist gross. «Vor wenigen Tagen kam eine Mama nachts um zwei Uhr mit ihren drei Kindern zu uns. Das kleinste der drei war ein Jahr und acht Monate alt», erinnert sich Julia. «So etwas ist traurig, es nimmt einen mit. Die Polizei hatte sie zu uns gebracht, sie war derart geschlagen worden, dass sie ein gebrochenes Schlüsselbein hatte.»

Alkoholkonsum ist gross

Die Lage sei oft unvorstellbar. «Der Alkoholkonsum in Rumänien ist sehr gross. Der Alkohol ist zudem billig.» Doch auch bei besser gestellten Menschen kommen solche Situationen vor. «Vor wenigen Tagen begleitete ich eine Mama mit ihrer Tochter. Der Papa sah jung und gut aus – in normalem Zustand. Aber dann kommt der Alkohol dazu und die ganze Situation verändert sich.»

Durch den christlichen Glauben, in dem sie selbst das fand, was sie 38 Jahre vergeblich in New Age und Esoterik gesucht hatte, versucht sie den Betroffenen zu helfen. «Die Frauen beeindruckt, dass ich aus der Schweiz zurückkomme, um ihnen zu dienen. Das ist eine Frage, die sich den Christen stets stellt: Ist man bereit, seine eigene Komfortzone zu verlassen?» Angesichts der Schwierigkeiten, denen sie begegnet, geht es ihr wie Petrus: «Wenn ich nicht auf das Kreuz schaue, gehe ich unter.»

«Sie beteten mich nach Rumänien»

Das Zentrum wurde von einer Deutschen gegründet. «Es wurde immer grösser und vor einigen Jahren suchten sie eine Leiterin. Sie hatten mich nicht gekannt – aber förmlich dahingebetet. Denn ich kenne Organisation und Struktur aus der Schweiz und ich kenne die Sprachen und Kultur vor Ort.»

Julia war zu diesem Zeitpunkt seit sieben Jahren Christin, als sie erstmals den Ruf verspürte, sich in Rumänien zu engagieren. Dies war alles andere als ihre Traumdestination. Doch durch verschiedene Ereignisse erkannte sie, dass dies ihr Platz ist und bald lernte sie das Frauenhaus kennen. Etwas später wurde sie durch die «Schweizerische Missions-Gesellschaft» (SMG) ausgesendet.

Abhängig vom Herrn

«Ich erlebe Veränderungen bei den Frauen, die bei uns um Hilfe suchen. Wir halten jeden Tag eine Andacht, beten und am Sonntag gibt es einen Gottesdienst», erklärt Julia. Für die Notsuchenden ist dieser gelebte Glauben – kulturbedingt – etwas Neues. Sie glauben zwar grundsätzlich oft stark an Gott, aber eher in einer traditionellen Weise. «Es ist ein starker Glaube an einen schwachen Gott. Bei mir ist es umgekehrt. Ich glaube an einen starken Gott.»

Einmal habe sie von zwei grossen Händen geträumt, welche von oben kamen und ihre Hände festhielten. «Das erzählte ich einem Kind und es sagte, dass Gottes Hände von oben gekommen sind, weil er sich bückt. Das ist ein sehr schönes Bild, das ganz grosse Hoffnung bringt.» Ohne Gott könnte Julia die Tragödien, denen sie begegnet, nicht überstehen.

«Mamas Herz schlägt nicht, es singt»

Sie sei in Rumänien während 24 Stunden im Dienst. «So rief einmal die Polizei mitten in der Nacht an, ob eine Frau zu uns kommen könne. Sie war aus einem Bordell in London geflohen und nun war ein internationaler Mörder auf sie angesetzt worden.»

Jeder Tag habe seine Überraschungen. «Da ist man abhängig vom Herrn. Der Feind versucht, die Menschen zu zerstören.»

Von den Kindern wird Julia «Mama» genannt. Vor ein paar Wochen ging sie im Wald mit einem der Kinder spazieren. «Es sagte: ‘Mamas Herz schlägt nicht, es singt.’»

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