Kein grosser Knall? – Zwischen «Stranger Things» und Offenbarung

Viele Menschen begeistern sich für Endzeitfilme und -bücher. Oft suchen sie dabei einen besonderen Kick. Auch die Offenbarung der Bibel erhält aus diesem Grund Aufmerksamkeit, doch sie bietet viel mehr als das.
Unsplash / Patrick Perkins
Die Offenbarung ist kein apokalyptischer Countdown

Endzeitserien sind in. Manche beginnen relativ differenziert und interessant, doch wie beim aktuellen «Stranger Things» muss am Schluss ein grosses Spektakel stehen. In der Serie mit fünf Staffeln, die gerade ihren Abschluss gefunden hat, stemmt sich eine Gruppe von Kindern gegen den Weltuntergang und Monster aus einer Zwischenwelt. In den Filmen stellt sich heraus, dass das idyllische Städtchen Hawkins in Wirklichkeit ein Ort ist, an dem geheime medizinische Experimente laufen sowie direkte Zugänge zu einer düsteren Parallelwelt bestehen, dem «Upside Down». Die Serie ist ein Mix aus Science Fiction und Horror. Sie hat unbestreitbar ihre Fans, doch viele würden freiwillig nie eine Folge davon anschauen. Aber dann schlagen sie ihre Bibel auf und lesen in der Offenbarung. Ist das etwas anderes?

Sehnsucht nach Grusel

Lassen wir einmal beiseite, dass die Bibel von sich sagt, Gottes Wort zu sein – das tun «Stranger Things» und ähnliche Geschichten natürlich nicht. Trotzdem bedient die Endzeitorientierung mancher Gläubigen die gleichen Sehnsüchte wie die der Filmfans. Warum suchen viele diese Lektüre oder Filme? Nach dem erlebten Stress wegen schrecklicher Zukunftserwartungen folgt die Ausschüttung von Dopamin als körpereigenem Glückshormon, die «Post-Angst-Euphorie». Gleichzeitig hilft das Auseinandersetzen mit apokalyptischen Filmen oder Texten, sich auf eine Zukunft einzustellen, in der so etwas Schreckliches Realität werden könnte – es ist quasi eine psychische Generalprobe. Und zu guter Letzt schreiben die Geschichten durch die Zerstörung all dessen, was wir kennen, das fort, was jeder von uns im Kleinen Schlimmes erlebt: So wird der Weltuntergang eine Allegorie auf das moderne Alltagsleben. Am Schluss bleibt die Frage, was anschliessend kommt. «Weil diese Romane, Spiele und Filme alles kaputtmachen, erlauben sie einen neuen Blick auf das, was ist», schreibt Thomas Lindemann dazu in der WELT.

Die meisten Christen lesen das letzte Buch der Bibel aus anderen Gründen, allerdings scheinen diese Motive ebenfalls eine Rolle zu spielen, wenn man sich den unfassbaren Erfolg christlicher Endzeitromane anschaut – wohlgemerkt: nicht der Bibel. «Alter Planet Erde, wohin?» von Hal Lindsey (1970) gehört mit rund 28 Millionen verkauften Exemplaren nicht nur zu den einflussreichen Endzeit-Titeln, sondern zu den meistverkauften Büchern überhaupt. Noch erfolgreicher war die Serie «Finale – Die letzten Tage der Erde» (Left Behind, ab 1995), die in den USA 50 Millionen-mal verkauft wurde und auch als Computerspiel und Film an den Start ging.

Offenbarung, nicht Verhüllung

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Johannesapokalypse der Bibel einen anderen Schwerpunkt setzt. Es gibt viele Leserinnen und Leser, die das Geheimnisvolle und Unverständliche darin betonen, doch erst einmal heisst «Apokalypse» Enthüllung. Und bei aller Fremdheit der verwendeten Bilder darin ist es die Aufgabe dieses Buches, etwas deutlich zu machen. Einige verstehen es als Fahrplan für die jetzige Zeit beziehungsweise die nahe Zukunft – damit bewegen wir uns allerdings wieder im unverständlichen Bereich. Sollte dieses biblische Buch wirklich als einziges für hundert Generationen Gläubiger nicht verstehbar gewesen sein und erst für unsere Zeit Relevanz bekommen? Wohl kaum. Wenn die Offenbarung tatsächlich eine Offenbarung ist, dann berichtet sie eher davon, wie Christen aller Zeiten mit destruktiven Mächten, einer antigöttlichen Gesellschaft und zerstörerischen politischen Systemen zurechtkommen. Damit ist es kein Untergangsszenario, sondern ein Trostbuch.

Das Ende ist völlig anders

Wer heute die Offenbarung liest, muss nicht nach Grusel suchen, sondern findet darin die Zusage, dass das Leben siegen wird. Dass Gott selbst am Ende sagt: «Siehe, ich mache alles neu!» – die aktuelle Jahreslosung in Offenbarung, Kapitel 21, Vers 5. Es geht nicht darum, dieses Buch zur Seite zu wischen, sondern die Perspektive zu wechseln: Sie ist kein apokalyptischer Countdown vor dem grossen Knall, sondern ein poetischer Weckruf. Sie ruft dazu auf, wachsam zu sein, wenn die Zeiten schwer sind, und festzuhalten, dass das Gute sich durchsetzt. Das gilt weltpolitisch wie ganz persönlich. Die Offenbarung hat ein Ende, das ein neuer Anfang ist, das Hoffnung weckt und die Veränderung sieht, die bereits begonnen hat. Das klingt nicht so sensationell wie der grosse Knall am Ende, aber es trägt im Alltag.

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