Gedanken auf der Parkbank – Würde die Kirche mich liebhaben, wenn ich dement wäre?

Die grösste Angst bei einer Demenz-Diagnose ist, dass man sich mit der Zeit selbst verliert. Was passiert, wenn man sich an niemanden und nichts mehr erinnert, wenn man plötzlich ganz allein ist? Und welche Rolle spielt die Kirche in dem allen?
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Älterer Mann auf einer Parkbank

Die grösste Angst bei einer Demenz-Diagnose ist, dass man sich mit der Zeit selbst verliert. Was passiert, wenn man sich an niemanden und nichts mehr erinnert, wenn man plötzlich ganz allein ist? Und welche Rolle spielt die Kirche in dem allen?

Ich sass auf einer Parkbank und beobachtete einen kleinen Jungen, der im Sand spielte. Als seine Sandburg plötzlich einstürzte, begann er bitterlich zu weinen. Meine Gedanken gingen zu einem meiner Patienten, der in frühem Alter mit Demenz diagnostiziert worden war. Er ist erst Anfang fünfzig, verheiratet und hat Kinder im Teenager-Alter. Eine wunderbare christliche Familie am Anfang einer schwierigen Reise…

Und dort auf der Parkbank fragte ich mich, wie ich mit einer solchen Diagnose umgehen würde im Wissen, dass meine Welt nach und nach zusammenstürzen wird wie die Sandburg des Jungen?

Leben bedeutet Beziehungen

Unsere grösste Angst im Zusammenhang mit Demenz ist, dass wir uns selbst verlieren, weil die Erinnerungen, die uns mit anderen verbinden, vergessen werden. Während das Gedächtnis schwindet, wächst die Angst, dass Familie und Freunde verblassen, weil man die Verbindung zu sich selbst und zu anderen verliert. Es taucht die unvermeidliche Frage auf: Wer werde ich sein, wenn ich am Ende allein bin?

Das Leben besteht aus Beziehungen zu den Menschen, die wir lieben und die Beziehungen, die wir teilen. Wenn wir jede Verbindung zueinander verlieren würden, wäre das Leben nicht mehr dasselbe – es würde vielmehr dem, was wir als «Leben» bezeichnen, widersprechen.

Die Rolle der Kirche

Im Hinblick auf diese Ängste ermutige ich Christen, die mit Demenz konfrontiert sind, sich auf den Körper zu konzentrieren, der unbeschadet ist; die Teile des Körpers, die gesund sind und Leben spenden – des Körpers, den Jesus als seine Kirche bezeichnet. Wir werden nicht durch Neuronen und das Gehirn zusammengehalten, sondern durch Jesus, durch den und in dem alles besteht (Kolosser, Kapitel 1, Vers 17). Wir verlieren vielleicht unser Fähigkeit der Erinnerung, aber wir werden in Jesus weiterhin zusammengehalten und erbaut. Genau das geschieht in der Kirche, dem Leib Jesu.

Der Apostel Paulus beschreibt wunderschön, wie die Funktionen der Kirche uns beieinander halten, wenn Demenz oder jede andere Krankheit unser Leben in Einzelteile zerlegt: «Und wie jeder Körper besteht dieser Leib aus vielen Teilen, nicht nur aus einem. Wenn der Fuss behaupten würde: 'Weil ich nicht die Hand bin, gehöre ich nicht zum Körper!', würde er trotzdem nicht aufhören, ein Teil des Körpers zu sein. Und wenn das Ohr behaupten würde: 'Weil ich nicht das Auge bin, gehöre ich nicht zum Körper!', würde es trotzdem nicht aufhören, ein Teil des Körpers zu sein. (…) Nein, gerade die Teile des Körpers, die schwächer zu sein scheinen, sind besonders wichtig; (…) Wenn ein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit, und wenn ein Teil geehrt wird, ist das auch für alle anderen ein Anlass zur Freude. (1. Korinther, Kapitel 12, Verse 14-16, 22 und 26)

Ganz praktisch

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David Zuccolotto

Wenn ich in der Zukunft an Demenz erkranken sollte und selbst nicht mehr die Bibel lesen kann, hoffe ich, dass Sie sie mir vorlesen werden. Wenn ich vergesse, wie man singt, hoffe ich, dass Sie meine Stimme sind und mir alte Lobpreislieder vorsummen, während ich allein ein meinem Stuhl sitze. Dass Sie mich an Dinge erinnere, die ich vergessen habe. Dass Sie meine Beine, Füsse und Arme sind, für mich Einkaufen, mich zum Arzt bringen oder mich einfach daran erinnern, wo die Toilette ist. Und ich bete dafür, dass wenn es aussieht als hätte ich mich selbst verloren, dass Sie neben mir sein werden.

Jesus brachte diese Botschaft und Hoffnung in unsere Welt: Liebe und Einheit mit Gott, unserem Vater und miteinander. Es ist die Sehnsucht unseres Herzens, zu etwas zu gehören, in Erinnerung zu bleiben und für immer mit jemandem verbunden zu sein – nicht nur mit Gott, sondern mit den geliebten Menschen. Und dass wir uns nie in Erinnerungen verlieren. 

Liebevolle Arme

Als ich dort auf der Parkbank sass und den weinenenden Jungen beobachtete, bemerkte ich die liebevolle Mutter, die ihn festhielt und umarmte. Sie schnitt Grimassen und wirbelte den Jungen herum, bis er anfing zu lachen. Er hatte seine kleine Sandburg verloren, aber die Liebe und Beziehung zu seiner Mutter hielten ihn fest. Sollte ich eines Tages an Demenz erkranken, bete ich, dass die Kirche zu meinen Füssen, Beinen und Händen wird. Dass sie mich in die Arme nimmt und mit Jesu Liebe herumwirbelt und mich tröstet in einer Welt, die wie der Sand in sich zusammenstürzt.

Zum Autor

Dr. David Zuccolotto ist ehemaliger Pastor und klinischer Psychologe in Kalifornien, USA. Seit 35 Jahren arbeitet er in Krankenhäusern, Drogen-Rehabilitationszentren und diversen Kliniken.

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