Von Gott enttäuscht – Wenn Glaube bitter schmeckt

Sie war mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen auf Flucht – in der Hoffnung, dass es anderswo mehr zu Essen gibt. Im Ausland stirbt zuerst ihr Mann, dann ihre beiden Söhne. Sie beschliesst, in ihr Land und ihr Dorf heimzukehren – und klagt Gott an.
BibelTv.ch
Naomi musste viel Bitteres ertragen in ihrem Leben

Eigentlich hiess sie Naomi. Mitten in einer schlimmen Hungersnot war sie mit ihrem Mann geflüchtet – obwohl ihr Gott eigentlich versprochen hatte, immer für sein Volk zu sorgen. Im Ausland sterben alle drei männlichen Mitglieder ihrer Familie. Als ältere Frau ohne Söhne ist sie plötzlich einsam und verletzlicher als wir uns das überhaupt vorstellen können.

«Nennt mich 'die Bittere'»

Als sie beschliesst, in ihr Dorf nach Israel heimzukehren, wird sie mit ihrem Namen «Naomi» begrüsst, was eigentlich «Die Liebliche» heisst. Aber sie sagt: «Nennt mich nicht Naomi, sondern nennt mich Mara, das heisst bitter. Denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan.» Und sie fährt fort: «Voll zog ich aus, aber leer hat mich Gott zurückgebracht. Warum nennt ihr mich Naomi, wo Gott doch gegen mich gesprochen und der Allmächtige mir Schlimmes angetan hat?» (nachzulesen in der Bibel, Buch Ruth, Kapitel 1, Vers 20-21)

Tiefes Gefühl von «unfair»

Wir alle kennen Situationen, in denen man am liebsten aufschreien möchte: «Gott, geht's eigentlich noch?» Sei es eigener Verlust oder im Leben von Freunden – Gott kann rätselhaft sein und scheinbar Dinge zulassen, die über unser Verstehen und unser Ertragen gehen.

Naomi erklärt: «Gott hat mich unfair behandelt. Er hat mich verletzt, tief verletzt. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, sehe ich nur Verlust.»

Diese Frau ist ehrlich. Ihr Glaube ist kein Opium – sie nimmt ihre Schmerzen und ihre Bitterkeit wahr und spricht sie auch aus. Hier wird kein Halleluja drübergeschmiert. In der Bibel – vor allem in den Psalmen – finden wir das immer wieder: Menschen gehen mit ihrem Gott ehrlich um. Er kann das vertragen.

Aufschrei des Glaubens

Was Naomi hier sagt, ist ja in Wirklichkeit ein Aufschrei des Glaubens. Sie sagt nicht: «Gott hat mir wehgetan, also gibt es ihn nicht.» Sie hält an ihrem Gott fest und klagt ihn an. Das ist in sich ein starker Ausdruck des Glaubens. Denn auch enttäuschter Glaube ist Glaube. Nach den Schrecken der Progrome in Russland drückte ein Rabbi die Gefühle der Juden in diesem Land so aus: «Gott, du hast alles getan, damit wir nicht mehr an dich glauben. Aber den Gefallen tun wir dir nicht.»

Wenn Gott lediglich eine Projektion unserer Wünsche wäre, würde spätestens hier der Faden reissen. Wenn Gott rätselhaft wird, klärt sich, ob mein Glaube ein Wellness-Gefühl ist oder ob ich einem wirklichen Gott gegenüberstehe.

Auf unserer Seite

Ich denke jetzt an den Mann der Schmerzen, Jesus, der unter unsäglichen Qualen am Kreuz schrie: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Jesus macht plötzlich klar: Er ist auf unserer Seite. Gott selbst nimmt Teil an diesem tiefsten Schmerz. Wenn Sie Gott auf der anderen Seite sehen – sicher, unangetastet, allmächtig da oben in seinem Himmel –, lassen Sie es sich sagen: Jesus ist rübergekommen und hat sich auf unsere Seite gestellt; auf die Seite der Leidenden, der Bitteren, der von Gott Enttäuschten. Auch er hat an seinem Vater festgehalten. Und kann uns damit ultimativ mit diesem Gott versöhnen.

Momentaufnahme

Gehen wir noch einmal kurz zurück zu Naomi-Mara. Ihre Geschichte geht weiter – und nimmt eine wunderbare Wendung. Ihre Schwiegertochter Ruth, die sie nicht verlassen hat, sondern mit ihr mitgegangen ist, findet einen Mann und wird zur Urgrossmutter des Königs David. Und damit erscheint sie in der Vorfahren-Linie von Jesus.

Unsere Schmerzen sind eine Momentaufnahme. Auf dem dunkelsten Hintergrund kann Gott wieder ein helles Bild erscheinen lassen. Wenn ich mich ehrlich an Gott wende und mich an ihn halte, kann aus der bittersten Situation wieder neues Leben entstehen.

Alle Tränen abgewischt

Wir können nicht über Schmerzen reden, ohne den ultimativen Horizont zu erwähnen, den uns die Bibel auftut. Gott ist jetzt in vielem rätselhaft für uns. Aber eines Tages werden wir Gott sehen, wie er ist. Und die Wirklichkeit sehen, wie sie ist. Millionen Menschen werden mit Tränen vor ihm stehen – und er wird persönlich «alle Tränen von ihren Augen abwischen» (Die Bibel, Offenbarung, Kapitel 21, Vers 4). Das letzte Wort über unserer kaputten und oft so schmerzensreichen Welt ist bereits gesprochen: «Der Tod wird nicht mehr sein. Es wird kein Leid, kein Geschrei und keinen Schmerz mehr geben; denn was früher war, ist vergangen». Opium? Nein. Das ist die von Gott beschlossene Zukunft der Welt.

Dieser Artikel erschien bereits am 12.05.2017 bei Jesus.ch.

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