Christlicher Irrtum – Geschieht alles aus gutem Grund?

Jemand leidet und ein anderer will ihn aufmuntern und mit dem Satz trösten: «Was dir passiert ist, hat sicher einen guten Grund!» Das geschieht viel zu oft. Es ist manchmal auch möglich, aber die einfache Antwort trifft seltener zu als viele denken.
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Geschieht alles aus gutem Grund?

Rein technisch betrachtet stimmt die Aussage natürlich, dass alles seinen Grund hat. Einem Glatteisunfall gehen Frosttemperaturen und Schnee oder Regen voraus. Und natürlich jemand, der bei diesem Wetter draussen unterwegs ist. Krebs entsteht durch unkontrollierte krankhafte Zellteilung. Ein Blitz bildet sich durch Wassertröpfchen in Wolken aus, die elektrisch unterschiedlich geladen sind. Kein Phänomen ohne Ursache. Problematisch wird es erst, wenn Menschen dasselbe Schema auf ihr persönliches Erleben übertragen und für alles entweder nach Schuld oder einem Sinn suchen, als ob diese für sie erkennbar sein müssten.

Ein klarer Grund gibt Sicherheit

Woher kommt das Denken, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht? Es würde jedenfalls Klarheit bringen. Lara hat ihre anvisierte neue Stelle bekommen, weil sie auf Gott gehört und der sie damit gesegnet hat. Achims Bewerbung wurde abgelehnt, weil Gott etwas Besseres, etwas anderes mit ihm vorhat. Und Simone hat den Job nicht bekommen, weil ihr Gebetsleben momentan so flau daherkommt. Ist das so? Oder liegt es daran, dass sich alle drei auf eine Arbeitsstelle beworben haben, aber nur einer sie bekommen konnte? Die meisten Menschen lieben Klarheit. Sie wünschen sich ein eindeutiges Raster, in dem sie ihre Entscheidungen, aber auch ihr Erleben wiederfinden. Und dabei fühlen sie sich von den deutlichen Gegensätzen besonders angezogen: War es richtig oder falsch? Ist es schwarz oder weiss? Ja oder nein?

Wenn Ereignisse sich nicht klar einsortieren lassen, erzeugt das Unsicherheit. Da wird jemand krank, weiss aber nicht, warum das so ist. Viele verzweifeln schier an dieser ungeklärten Situation, an einer Welt voller Grautöne. Deshalb wünschen sie sich für sich selbst und andere Erklärungen. «Rabbi, wer hat gesündigt, sodass dieser blind geboren ist, er oder seine Eltern?», fragten die Jünger Jesus, als sie an einem blinden Mann vorbeikamen, doch der liess ihre Frage nach der passenden Schublade ins Leere laufen. Manchmal gibt es in der Bibel sehr deutliche Erklärungen und nicht nur im Alten Testament sind lange Listen enthalten, in denen ein Leben in Segen oder Fluch gegenübergestellt werden. Doch noch häufiger scheinen die Ereignisse dieser Einteilung zu widersprechen, sodass der Psalmist Asaph sogar festhielt: «Siehe, das sind die Gottlosen; denen geht es immer gut, und sie werden reich! Ganz umsonst habe ich mein Herz rein erhalten und meine Hände in Unschuld gewaschen.» Offensichtlich funktioniert das Leben nicht einfach schwarz-weiss.

Gott ist kein Strippenzieher

Es ist die alte Frage nach dem Sinn des Leids, das Menschen umtreibt. Ein Gott, den das nicht kümmert, wäre unnahbar und fern – da malt die Bibel ein ganz anderes Bild von ihm. Doch ein Gott, der sich um alles kümmert und der alles lenkt, wäre der Strippenzieher des Guten und des Bösen in der Welt.

  • Hat Gott das Erdbeben in der Türkei und dem ohnehin kriegsgeplagten Syrien im April 2023 zugelassen und gewollt, dass dabei 60'000 Menschen sterben?
     
  • Warum werden weltweit Kinder missbraucht, Frauen gequält oder Männer als billige Arbeitskräfte missbraucht?
     
  • Warum kommen 600'000 Menschen jährlich durch Malaria um? 70 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren.

Ein scheinbar einleuchtendes «Der Mensch hat ja einen freien Willen» klärt diese Warum-Fragen keineswegs. Wenn nämlich «alles aus gutem Grund geschieht», dann plant, arrangiert und lässt Gott es zu. Doch dieses Bild widerspricht dem, was die Bibel über ihn – die Liebe in Person – aussagt.

Keine Antwort und trotzdem ein Sinn

Das Unbefriedigende ist, dass es keine Antworten auf Fragen wie die obigen gibt – jedenfalls keine allgemeingültigen. Manchmal schauen Menschen, besonders wenn sie sich an Gott orientieren, nach überstandenen Katastrophen zurück und können auch etwas Gutes für sich herausziehen. Das heisst nicht, dass «alles aus gutem Grund geschieht». Denn dieses Ergebnis war nicht der Grund, warum etwas Schlimmes passiert ist. Das Leben ist kein für den Einzelnen zurechtgelegter Prüfungsmarathon, an dem er wachsen oder scheitern muss, aber wer sich den Herausforderungen des Lebens stellt, kann trotzdem daran wachsen. Gott gibt keine Garantien auf Unversehrtheit, Segen, wie man ihn sich vorstellt, oder auf Gesundheit und Erfolg. Seine «Sicherheiten» sehen anders aus:

  • Gott gibt uns Raum zum Klagen.
    Gerade in den Psalmen wird das deutlich. Ein starkes Drittel dieser Lieder beschäftigt sich mit dem Klagen und Fragen nach dem Warum (Livenet berichtete). Sie bekommen nicht immer eine Antwort, aber sie haben immer ein Gegenüber: Gott selbst.
     
  • Gott lässt uns nicht allein.
    Selbst der berühmteste Leidende der Bibel, Hiob, erhielt auf seine Fragen nach dem Warum und dem tieferen Sinn keine Erklärungen. Doch er und viele andere erlebten tiefen Trost darin, dass Gott sie nicht alleinliess. Paulus fasste diese Erkenntnis in die bekannten Worte: «Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.» Gott erklärt sich nicht, aber er weint mit den Traurigen und lässt die Einsamen nicht allein.

Bis heute erfahren Menschen, die Gott nachfolgen möchten, dass sie dieselben Erfolge und Probleme haben wie andere. Sie bekommen dieselben Krankheiten. Sie erleben dieselben Unsicherheiten. Ihr Trost liegt allerdings nicht darin, dass alles direkt einen Sinn ergeben muss oder «aus gutem Grund geschieht», sondern darin, dass sie – wie der bereits zitierte Asaph – mit ihren Klagen zu Gott kommen, erfahren, dass er da bleibt, und selbst wie der Psalmist beschliessen: «Und dennoch bleibe ich stets bei dir; du hältst mich bei meiner rechten Hand.»

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