Gewalt bei Paaren – Wenn Emotionen überkochen ...

Gewalt in Paarbeziehungen kommt öfter vor als man denkt. Es gilt, die Dynamik von Konflikten und Frustration zu verstehen und Gegenstrategien zu entwickeln, wie der Familien- und Paartherapeut Prof. Guy Bodenmann erklärt.

Gewalt in Paarbeziehungen kommt öfter vor als man denkt. Es gilt, die Dynamik von Konflikten und Frustration zu verstehen und Gegenstrategien zu entwickeln, wie der Familien- und Paartherapeut Prof. Guy Bodenmann erklärt.

«Bis dass der Stress euch scheidet», heisst ein Standartwerk des Paarforschers und -Therapeuten Guy Bodenmann, Prof. für Klinische Psychologie Kinder/Jugendliche & Paare/Familien an der Universität Zürich. Denn Stress führt leicht zu verbaler, psychischer und schliesslich handfester physischer Gewalt.

Während 75 Prozent von Menschen in Paarbeziehungen über verbale Gewalt klagen, sind es 14 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen, die über physische Gewalt berichten. Bodenmann sprach dazu Ende August 2021 an einer Fachtagung über «Aggression» an der Universität Zürich auf dem Irchel.

Oft niederschwelliger Ausgangspunkt

Das Problem dabei: Konflikte beginnen oft unterschwellig, und anstatt dass beide dann miteinander darüber sprechen, köchelt es weiter, bis es zu massiven verbalen Gefechten und schliesslich zu Tätlichkeiten kommt. Während körperliche Attacken von Frauen zu weniger Verletzungen beim Partner führen, sind seine tätlichen Angriffe für die Frauen oft schwerwiegender, sodass im öffentlichen Diskurs meistens die Männer die Täter sind.

Auch Zufriedene (sollen) streiten

Nicht nur unzufriedene Paare streiten miteinander, sondern auch zufriedene, stellt der Paarforscher fest. Doch sie streiten viel kürzer als Unzufriedene. Und sie schaukeln sich dabei weniger hoch, sondern verhindern mit der verbalen Auseinandersetzung, dass der Streit eskaliert. Und es sei auch besser, mal einen kurzen Streit auszufechten, als eine «schwelende Konfliktaustragung» durchzustehen, währenddessen dicke Luft das Zusammensein trübt.

Eskalatiosstufen

Bodenmann stellte fest, dass die Eskalation eines Streits öfter einem Muster gleicht, wobei es nach einem verbalen Schlagabtausch zu drohenden Gesten und Mimik kommt, bis es zu ersten körperlichen Auseinandersetzungen wie zum Beispiel «Schupfen» (durch die Frau) eskaliert. Im besseren Fall ziehe sich der Partner dann zurück, im schlechteren schlage er zurück.

Ein Grund dafür sei, dass bei dieser Eskalationsstufe die «dyadische Kompetenz» nicht mehr funktioniere, die bei niedrigem Stressniveau eine Deeskalation möglich macht. Nebenbei bemerkte der Paarforscher, dass ausgerechnet bei Lesben am meisten physische Gewalt vorkomme. 

Konfliktthemen ansprechen

Bodenmann warnt vor der Selbsttäuschung, dass sich Konfliktthemen von selbst lösen, wenn man sie nicht mehr anspricht. Er macht klar: «Sie müssen aktiv vom Paar angesprochen und bewältigt werden!» Und: «Je gravierender das Problem, desto wichtiger die Aussprache.» Das sei schon wegen der Kinder wichtig, die sehr sensibel auf Spannungen zwischen den Eltern reagieren.

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