Teil von etwas Grösserem – Wen interessieren schon Vorfahren!?

Das Matthäus-Evangelium beginnt mit der Stammlinie von Jesus. Das liest sich so: «Der zeugte den. Der zeugte den…» – Es geht kaum langweiliger. Aus welchem Grund begann Matthäus sein Evangelium auf diese Weise?
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Zwei Generationen

Das Matthäus-Evangelium beginnt mit der Stammlinie von Jesus. Das liest sich so: «Der zeugte den. Der zeugte den…» – Es geht kaum langweiliger. Aus welchem Grund begann Matthäus sein Evangelium auf diese Weise?

Noch bevor Matthäus von der Geburt von Jesus berichtet, beschreibt er dessen Stammlinie, die von Abraham, dem Vater des Volkes Gottes, über David führt. Er nennt sogar vier Frauen: Zwei, die keine Israelitinnen waren (Rahab und Ruth), und zwei, die als Sünderinnen galten (Tamar und die Frau Usias). Das ist ausgesprochen unüblich für die damalige Zeit, in der es nur um die Nachfahren von Männern ging, bis auf wenige Ausnahmen in Königshäusern.

Die Frage nach der Identität

Warum aber ein solcher Text zu Anfang des Evangeliums? Nun, weil die Bibel in einer Zeit entstand, in der es von sehr grosser Bedeutung war, aus welchem Stamm, welcher Sippe und welcher Familie jemand kam. Herkunft war entscheidend und bestimmend. Das war auch in Europa noch bis vor gut einhundert Jahren so, als die Söhne fast immer den Beruf ihres Vaters ergriffen und der Vater dann auch der Ausbilder war.

Zur Zeit von Jesus gehörten Vorfahren zum Kern der Identität. Das ist uns heute, vor allem im Westen, fremd. Wir denken – pointiert ausgedrückt – nur von uns bis zu uns. Wir erwähnen Vorfahren und Abstammung meist nur noch dann, wenn wir damit eine Besonderheit, eine Berufsentscheidung oder eine spezielle Prägung, erklären wollen.

Nur die Gegenwart ist wichtig

Wenn heute ein Mensch gefragt wird, wer er ist, dann dreht sich die Antwort um Beruf und Ausbildung, Wohnort, Partnerschaft und Kinder. Damals aber war die Frage der Abstammung ungleich wichtiger; oft wurden Männer als Sohn von jemandem angesprochen.

Die Frage der Herkunft und der Verwandtschaft ist im heutigen westlichen Denken von geringer Bedeutung. Oft wissen wir gar nicht viel darüber. Wir leben und denken im Jetzt, das Frühere erscheint weit weg. Die Vergangenheit scheint eher etwas für Spezialisten zu sein.

Gott handelt an und mit vielen

Doch in der Stammlinie des Matthäus wird deutlich, dass die Bibel nicht nur auf den Einzelnen schaut. Gott handelt sozusagen «in einer Linie». Deswegen wird der Gott Israels eben auch als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bezeichnet – also der Gott von drei aufeinanderfolgenden Generationen einer Familie, die zum Ausgangspunkt des Volkes Gottes, seines auserwählten Volkes, wurde.

Damit relativiert sich die Bedeutung des Einzelnen. Aber damit schwindet auch der Druck, der auf den Menschen liegt, die denken, dass es allein auf sie ankommt: Nicht alles Gelingen, auch nicht die Fehler, «hängen» an einem einzigen. Die Stammlinie von Jesus macht zudem deutlich: Selbst Jesus, der Sohn des Allmächtigen, steht in einer Reihe des Wirkens Gottes unter den Menschen. Er steht in einer Reihe mit Abraham, David und vielen anderen.

Jesus: Vieles war nicht sein Job

Und Jesus dachte genau so. Er reichte – bildlich gesprochen – seinen Staffelstab an den Heiligen Geist und seinen engsten Mitarbeiter weiter, nachdem er seinen Auftrag erfüllt hatte. Er, der Sohn Gottes, hatte eine Bestimmung: Für die Menschen am Kreuz zu sterben, um sie zu erlösen und ihnen neues Leben bringen zu können. So gross dieser Auftrag auch war, wusste Jesus zugleich, dass die Zukunft derer, die ihm folgen, die weltweite Verbreitung der Botschaft und die Gründung der Gemeinde nicht seine Sache war.

«Es ist besser für euch, wenn ich gehe…»

Kurz bevor er festgenommen wurde, sagte er zu seinen engsten Mitarbeitern und Freunden: «Es ist besser für euch, wenn ich gehe. Sonst käme der Helfer (gemeint ist der Heilige Geist) nicht, der an meiner Stelle für euch da sein wird. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, werde ich ihn zu euch senden. Und ist er erst gekommen, wird er den Menschen die Augen für ihre Sünde öffnen, für Gottes Gerechtigkeit und sein Gericht.» (Die Bibel, Johannes-Evangelium, Kapitel 16, Verse 7 und 8) Jesus wusste genau um seinen Auftrag, aber auch um dessen Grenzen und was beziehungsweise wer nach ihm kommen würde.

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