Überraschende Perspektive – Was sagt die Bibel zu Krisen?

Krisen sind immer auch Chancen. Gott lässt sie zu, damit wir dadurch lernen und uns verändern!? «Nein», sagt Elisabeth Birnbaum, «Gott ist derjenige, der sich dadurch ändert.» Diesen für viele sicher neuen Gedanken hat sie aus der Bibel.
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Dr. Elisabeth Birnbaum

Krisen sind immer auch Chancen. Gott lässt sie zu, damit wir dadurch lernen und uns verändern!? «Nein», sagt Elisabeth Birnbaum, «Gott ist derjenige, der sich dadurch ändert.» Diesen für viele sicher neuen Gedanken hat sie aus der Bibel.

Zurzeit ist das Wort Krise in aller Munde. Die Flüchtlingskrise ist abgeebbt, doch längst hat uns die Coronakrise im Griff, die wohl von einer grösseren Wirtschaftskrise gefolgt wird. Wer das negativ sieht, könnte verzweifeln. Doch gerade Christen versuchen, dem Ganzen auch etwas Positives abzugewinnen. Sie sehen in der Krise eine Chance, wenigstens persönlich zu wachsen.

Nach einem Blick auf zahlreiche Krisen, die in der Bibel beschrieben werden, kommt Dr. Elisabeth Birnbaum, Theologin und Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks, zu einem anderen Ergebnis. Sie beschreibt es im theologischen Feuilleton «feinschwarz».

Musterkrise Sintflut

Die erste biblische Krise ist gleich eine von globalen Ausmassen: die Sintflut. Gott stellte fest, «dass die Bosheit des Menschen sehr gross war auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse» (1. Mose Kapitel 6, Vers 5). Deshalb schickte Gott eine Flut, die alle Menschen bis auf Noah und seine Familie vernichten sollte – eine gewaltige Krise. Birnbaum hält fest: «Doch ist sie auch eine Zeit der Änderung? Die meisten Menschen ertrinken und können sich nicht mehr ändern. Noach wiederum war schon davor gerecht, hat also keinen Handlungsbedarf.»

Für die nächsten Generationen wird dasselbe festgehalten, was schon für die vorigen galt: «Das Trachten des menschlichen Herzens [ist] böse … von seiner Jugend an» (1. Mose Kapitel 8, Vers 21). Trotzdem versprach Gott, die Erde nie wieder um des Menschen willen zu verfluchen. Überrascht schreibt die österreichische Theologin: «Obwohl – eigentlich sogar: weil (!) – sich der Mensch nicht geändert hat, will Gott ihn und die Welt künftig verschonen.» Damit ist der Einzige, der sich in der Krise ändert, Gott selbst.

Einzelfall oder Serie?

Zunächst einmal hört sich der Gedanke ungewohnt an, dass Gott lieber sich selbst und sein Verhalten ändert, als darauf zu warten, dass die Menschen dazulernen. Aber das ist in der Bibel kein Einzelfall. Als das Volk Israel nach dem Exodus durch die Wüste zog, murrte es. Es erlebte Highlights wie die Gesetzgebung am Sinai, aber letztlich stellte Gott fest: «Wie lange noch will mich dieses Volk verachten? Und wie lange noch wollen sie nicht an mich glauben, trotz aller Zeichen, die ich unter ihnen getan habe?» (4. Mose Kapitel 14, Vers 11). Birnbaum schliesst daraus: «Er verlässt sein Volk nicht und ändert lieber wieder und wieder sein eigenes Verhalten, um es zu retten.» Dasselbe gilt für die Gesetzgebung selbst, die durch das Giessen eines goldenen Kalbes überschattet wurde, oder auch für Elias spätere Flucht zum Horeb. Der Prophet begegnete dort seinem Gott, aber seine Haltung änderte das nicht.

Lerneffekt oder Gnade?

Nun wäre es verkürzt festzustellen, dass Gott gar keinen Lerneffekt möchte. Sicher wäre dies ein wünschenswertes Ergebnis von Krisen. Allerdings sind die Krisen, die in der Bibel beschrieben werden, genauso wie diejenigen, die wir gerade durchleben, nicht umsonst, wenn dieser Lerneffekt nicht eintritt. Für die Mehrzahl der Fälle stellt Elisabeth Birnbaum fest: «Eine nachhaltige Änderung geschieht nicht.»

Das ist für sie allerdings kein Grund zu verzweifeln. Sie findet darin vielmehr die konkrete Gnade Gottes: «Gott lässt sich von der Änderungsresistenz des Menschen nicht abschrecken. Er versucht es immer wieder neu mit den Menschen und ändert für sie sogar sein eigenes Verhalten. Das einmal dankbar anzuerkennen, wäre (nicht nur für den biblischen Menschen) eigentlich schon Änderung genug.»

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