Film «Silence» – Warum schweigt Gott in der Bedrängnis?

Was kann vom Regisseur des Films «Die letzte Versuchung Christi» Gutes kommen? Die Antwort gibt Martin Scorsese mit «Silence». Der Film beschreibt die Verfolgung der Christen in Japan im 17. Jahrhundert. Die aufgeworfenen Fragen gehen ans Lebendige.

Was kann vom Regisseur des Films «Die letzte Versuchung Christi» Gutes kommen? Die Antwort gibt Martin Scorsese mit «Silence». Der Film beschreibt die Verfolgung der Christen in Japan im 17. Jahrhundert. Die aufgeworfenen Fragen gehen ans Lebendige.

Mit dem Film «Die letzte Versuchung Christi» (1988) versetzte Regisseur Martin Scorsese («Taxi Driver», «Goodfellas», «The Wolf of Wallstreet») Christen in Rage. War es eine Ironie des Schicksals oder göttliche Fügung, dass Scorsese mitten in der damals so aufgeheizten Stimmung ein Buch empfohlen wurde, dessen bewegender Inhalt jetzt ins Kino kommt? Es geht um «Silence» des japanischen Autors Shusaku Endo. Scorsese las das Buch und fand sich mit tiefgreifenden Fragen zum Christentum konfrontiert. «In der heutigen Phase meines Lebens grüble ich ständig über Themen wie Glauben und Zweifel, Schwäche oder das Schicksal des Menschen nach – und Endos Buch berührt diese ganz direkt», sagt der 75-jährige Regisseur. Er habe nach dem Lesen von Endos Buch gewusst, dass er es verfilmen wolle. 30 Jahre später ist der Buchstoff im Kino – überraschend genau, bedrängend, grausam und dennoch gehaltvoll und filmisch ausdrucksstark. Mit «Silence» wagt sich Scorsese auf dünnes Eis. Der durchschnittliche Kinogänger hat begrenztes Interesse an einem langen historischen Drama (161 Minuten!), das in Japan im 17. Jahrhundert spielt und sich um Jesuitenpriester und verfolgte Christen dreht.

Brutal und voller existentieller Fragen

Nein, diesen Film mit den brutalen Folterungen, Hinrichtungen, den jesuitischen Praktiken und einem verwirrenden Ende muss man nicht gesehen haben. Allerdings lässt man dann Themen an sich vorbeiziehen, wie sie in dieser Fokussierung nur alle hundert Jahre einmal in die Kinosäle kommen. Was den christlichen Glauben anbelangt, lässt Meisterregisseur und Wahrheitssucher Scorsese kaum eine Frage aus. Fast alles, was Theologen, Religionswissenschaftler oder Missionare umtreibt, wird im Film thematisiert. Was ist Wahrheit? Wie können wir das Evangelium kontextualisieren? Wie sollen sich Christen in Verfolgungssituationen verhalten? Zerstört die christliche Mission fremde Kulturen? Gibt es nach dem Abfall vom Glauben eine weitere Chance zur Umkehr - wie viele Male besteht diese Chance? Warum müssen Christen leiden? Wozu sein Leben riskieren, wenn die Mission Menschen in Gefahr bringt? Wozu noch an Gebet und Glauben festhalten, wenn Gott nicht eingreift? Und hinter allem steht die eine grosse Frage: Warum schweigt Gott?

Das Christentum fasst Fuss in Japan

Um das Jahr 1540 reisten Jesuiten-Missionare nach Japan. Durch ihren Dienst ergriff das Evangelium rasch bis zu 300'000 Menschen. Sie sagten sich von Buddha los und wandten sich hin zu Christus. Die Kaiser reagierten. Per Edikt liessen sie erst die christliche Mission und schliesslich das Christentum ganz verbieten. Ab 1620 begann für Japans Christen das Martyrium. Viele tauchten ab in den Untergrund. Man bezeichnete sie als «kakure kirishitan», als «versteckte Christen». Viele schworen unter Todesdrohungen und brutalster Folter ihrem Glauben ab. Und viele verloren in diesen Jahren der religiösen Säuberung ihr Leben.

Zwei Pater auf dem Weg in den Untergrund

In «Silence» brechen Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) 1638 von Portugal nach Japan auf. Sie wollen die Wahrheit aufdecken und den Gerüchten nachgehen, nach denen ihr Lehrer und geistliche Vater Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) seinem Glauben abgeschworen habe. Nach ihrer Ankunft erleben sie bald die brutale und unmenschliche Verfolgung der Christen durch die japanischen Machthaber. Ihr Weg führt sie durch Regen und Kälte zu den abgelegenen Gebieten, wo sich die «kirishitan» verstecken. Die beiden Pater sind der Sprache nicht mächtig, hungern und frieren, kämpfen gegen Müdigkeit, wachsende Enttäuschung und Angst. Die Treffen der Christen finden im Untergrund statt, in Schilffeldern, in Höhlen, in Hütten. Die Einheimischen praktizieren ein «improvisiertes» Christentum. Das fehlende Bibelwort ersetzen sie mit gebastelten Symbolen und kultischen Handlungen. Eine systematische Lehre haben sie nicht. Pastorale Dienste wie das Austeilen des Abendmahls, Taufen oder die Abnahme der Beichte erfolgen unter grosser Gefahr. Das totalitäre System im Land der aufgehenden Sonne kennt keine Religionsfreiheit. Wer Christ ist, muss abschwören oder sterben. Für die jungen Theologen stellt sich fortwährend und immer dringlicher die Frage, wie Gott zu all dem schweigen kann. Oder spricht er gerade durch das Schweigen?

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